Kultur : "Stereoshow": Rolf Eisenburgs Installation im Berliner Haus am Lützowplatz

Elfi Kreis

Rolf Eisenburgs "Stereoshow" ist keine herkömmliche Bilderausstellung. Der Besucher steht vor Wänden, die in einem flirrenden Allover von Farbgeometrien tapeziert sind. Doch die Stereogramme haben optisch noch weit mehr zu bieten. Dazu muss man sie aber richtig sehen. Das gelingt kaum jemandem auf Anhieb. Um Eisenburgs visuellem Weg "Die Treppe hinunter" zu folgen - so sein nach Marcel Duchamps "Akt, eine Treppe hinabsteigend" gewählter Ausstellungstitel -, muss man erst die eigenen Augen überlisten. Es gilt, mit herkömmlichen Sehgewohnheiten zu brechen. Die Augen sind auf die Zentralperspektive konditioniert. Doch ihr unterliegen Eisenburgs stereografische Raumbilder nicht.

Sobald der visuelle Einstieg mit etwas Übung gelingt, eröffnen sich faszinierende Bildwelten. Man macht überraschende Seherfahrungen, entdeckt unbekannte Möglichkeiten der Wahrnehmung: Plötzlich kann man durch Wände hindurchsehen! Der Blick führt in dreidimensionale Bildräume, dringt tiefer und tiefer in schier endlose Raumfolgen abstrakter Farbformverläufe vor, deren raffiniert verschachtelte Raumebenen verblüffend realistisch wirken.

Die Raumerfahrung in 3-D ist völlig drogenfrei zu haben, doch bedarf es eines kleinen Tricks. Grundlage der Stereogramme ist das alltägliche Phänomen, dass wir mit zwei Augen gleichzeitig sehen. Jedes Auge tastet für sich die Fläche eines Objekts ab, auf das sich der Blick richtet. Beide schicken ihre Meldung gleichzeitig ins Gehirn. Dort überlagern sich die beiden flächigen Einzelbilder zu einem einzigen, nun aber räumlichen Gesamtbild. Für seine von Hand gezeichneten Stereogramme muß der Künstler alle Linien in gleichbleibendem Abstand voneinander verdoppeln: einmal für die linke, einmal für die rechte Netzhaut. So vermitteln sie den Eindruck einer Räumlichkeit, die wie realer Raum wahrgenommen wird. Die Illusion ist perfekt. Eisenburg muss mit einer vetrackten Zeichentechnik jede einzelne Linie im Gesamtbild räumlich konzipieren - und zwar im Kopf. Die Hilfe eines Computers lehnt er ab.

Auch der Betrachter muß das Seine tun und die Augen austricksen. Den Blick gilt es nicht, wie gewohnt, auf einen Punkt der Bildoberfläche zu richten und ihn so ganz automatisch auf diesen Abstand scharf zu stellen, zu konvergieren. Man muss vielmehr "unterkonvergieren". Das gelingt am einfachsten, wenn man sich zu bewußt unscharfem Sehen zwingt. Auch sind die von Eisenburg zwischen die Raumbilder geschalteten Spiegel hilfreich. Auch sie tragen stereografische Zeichnungen: Totenköpfe, in denen sich das Gesicht des Betrachters spiegelt.

Eisenburgs "Stereoshow" hat nichts von der Effekthascherei einer Jahrmarktsattraktion. Hinter ihr steht eine Philosophie des richtigen, vorurteilsfreien Sehens. Die Zentralperspektive ist an die Fläche gebunden: "Die Fläche täuscht, der Raum täuscht nie", so Eisenburg. Ihm geht es um die Wechselbeziehung zwischen dem Bild im Raum und dem Raum im Bild. In den achtziger Jahren machte sich der Schüler Raimund Girkes durch Ausstellungen mit dem "Büro Berlin" einen Namen. Seit sieben Jahren widmet er sich der Stereografie. Sie ist für ihn eine Möglichkeit, eine grundlegend neue Beziehung zum Raum aufzubauen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar