Kultur : Sterne im Fluss

Die Galerien Kicken Berlin und Thomas Schulte zeigen Fotoarbeiten von Dieter Appelt

Katrin Wittneven

Der Mensch – er ist kaum mehr als ein helles Zeichen, zusammengekauert wie ein Embryo. Der Kopf ist nicht zu erkennen. Fragil wirkt dieser Körper im milchigen Wasser, das von urwüchsigem Fels und Geröll umschlossen ist. „Die Quelle“ heißt die Fotografie von Dieter Appelt, für die er sich 1980 nackt in den Ursprung eines Wasserlaufes legte. Unwillkürlich kommt einem beim Betrachten der Fotografie der Anfang des Menschseins in den Sinn, seine embryonale Entwicklung, bei der er Stadien der Evolution durchläuft. Alles wiederholt sich, das Große findet sich im Kleinen wieder.

Die Galerie Kicken, seit Jahrzehnten mit dem 1935 in Niemegk bei Dessau geborenen Künstler verbunden, zeigt in der aktuellen Ausstellung eine ganze Reihe seiner frühen Fotoarbeiten, deren Ausgangspunkt der eigene Körper ist. Ende der Siebzigerjahre konstruierte Appelt einen „Augenturm“ nach eigenen Körpermaßen, die er vervielfachte. Zwölf Meter hoch baute er den sich nach oben verjüngenden hölzernen Hochsitz, umwickelte ihn mit weißem Leinen und platzierte ihn inmitten eines Sees. Morgens um fünf begab sich Appelt dann in den Turm, wo er Stunden verbrachte, bevor das hölzerne Gerüst schließlich verbrannt wurde. Eine Serie von Fotografien ist während dieser Aktion entstanden. Sie zeigt den Künstler in verschiedenen Positionen:zeigt –die Arme und Beine gestreckt wie ein menschliches Kreuz oder zurückgezogen, ganz oben sitzend (Preise je 4500 Euro). Für eine andere Fotoserie hängte sich der Künstler kopfüber an unterschiedlichen Orten an den Füßen auf, den Körper mit Marmorstaub und Kleber überzogen und dadurch entindividualisiert. Weiß, erzählt Appelt, sei in Japan die Farbe des „äußersten Zerfalls“. Geboren werden, sterben müssen – der Geist dieser urmenschlichen Gewissheit durchzieht sämtliche Arbeiten dieser Zeit.

Dem Fotografen, der von 1982 bis 2003 als Professor an der Berliner Universität der Künste gelehrt hat, ging es bei diesen Aktionen nicht um Provokation oder Grenzerfahrung, wie sie andere in den Siebzigern suchten. Schon mit dem Begriff Performance ist er nie warm geworden, weil er dem Ereignishaften misstraut; besser gefällt ihm das schlichte Wort Aktion. Obwohl ein Relikt des Augenturms ebenfalls in der Ausstellung steht, bleiben üblicherweise nur die Fotografien übrig. Sie sind das Gegenteil von Schnappschüssen. Meist mit Selbstauslösern oder Intervallometern aufgenommen, oft Langzeitbelichtungen, die mit minimalen Verschiebungen und Unschärfen Schichtungen und die vergehende Zeit sichtbar machen – wie in dem 1990 für die Biennale in Venedig entstandenen Tableau „Space“. Insgesamt 40 selbstkonstruierte bewegte Skulpturen nahm der Künstler auf, variierte mit Positiven und Negativen, so dass eine Ode an die Zeit und die Bewegung entstand (14-tlg. 88000 Euro). Dieser experimentelle Ansatz in der Fotografie verbindet ihn mit seinem Lehrer Heinz Hajek-Halke, von dem ebenfalls eine Auswahl von Vintage Prints aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren zu sehen ist (2500 bis 10000 Euro).

Einen anderen Aspekt im Werk des heute 70-Jährigen stellt die Galerie Thomas Schulte unter dem Titel „Sequenzen No. 1“ heraus. Der ausgebildete Sänger Appelt war seit Anfang der Sechziger an der Deutschen Oper Berlin aktiv, bevor er 1979 sein Engagement kündigte, um sich ausschließlich der Fotografie zu widmen. Auf bis zu vier Meter breiten Tableaux nähert sich Appelt der Welt, Natur oder Architektur, indem er deren Struktur abbildet und zusammenfügt, ja regelrecht neu komponiert. An Partituren erinnern Fotoarbeiten wie „Forth Bridge-Cinema. Metric Space“ von 2004 (88000 Euro), eine räumliche Abtastung, bei der Appelt auch das Naturprinzip der Fibonacci-Zahlen reflektiert. In einem Marmor-Steinbruch in der Toskana hielt er die Abbauspuren fest, in der Serie „Feld #2“ die Wasseroberfläche eines Flusses, als wären es ferne Galaxien (77000 Euro). Die Größen verschieben sich, ein kleiner Stein kann zum riesigen Gebirge werden und gleichermaßen Assoziationen an urzeitliche Reptilienhaut, Baumrinde, Waldboden oder die Welt von ganz weit oben hervorrufen.

Die Auswahl in der Galerie Schulte unterstreicht die systematische Herangehensweise von Appelt durch Kombination mit fünf teils großformatigen Zeichnungen des 1951 geborenen Mark Lombardi. Der amerikanische Künstler, der sich 2000 das Leben nahm, hat ein Prinzip entwickelt, bei dem er die Systeme globaler Netzwerke in federleichte Zeichnungen und Notationen transferiert. Lombardi, ursprünglich Kunsthistoriker und Bibliothekar, sammelte zunächst in Zettelkästen sein Wissen über internationale Machenschaften von Banken, Waffenproduzenten und Drogenhandel, bevor er sie in beeindruckend einfache Diagramme übertrug (Preise um 100000 Euro). Die Grundprinzipien unseres Daseins und deren Auswüchse – nur selten gelingt einer Ausstellung eine so weltumfassende Vision.

Galerie Kicken Berlin, Linienstraße 155, bis 2. Juli, Dienstag bis Freitag 11–18 Uhr, Sonnabend 14–18 Uhr.

Galerie Thomas Schulte, Mommsenstraße 56, bis 2. Juli, Montag bis Freitag 11–18 Uhr, Sonnabend 11–15 Uhr.

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