Kultur : Sterne trinken

Peter Herbstreuth

entdeckt in Berliner Galerien die Lust an der Abstraktion Jeder Trend ruft Gegenbewegungen hervor. Und weil momentan fast alles, was modisch ist, auch Geschichten illustriert, beziehen sich zwei Ausstellungen auf das Gegenstandslose. Doch auch hinter den Abstraktionen stehen Erzählungen. In der Galerie Esther Schipper (ehemals Schipper & Krome) beschränkten sich die Kuratoren Robert Metjer und Christophe Wiesner auf skulpturale Szenen von sieben Künstlern (Linienstraße 85; bis 27. November) und zeigen damit die beste Ausstellung der Galerie in diesem Jahr. Ihre Inszenierung folgt einem Traumbild aus funkelnden Punkten, Spiegelungen und Sphärenklang. Dabei wurden sie von Monsieur Dom Perignon inspiriert, der glaubte, „einen Weg gefunden zu haben, die Sterne zu trinken“ und wurden sich zügig einig, dass „der Lichtschalter das Verhältnis des Städters zur Decke des White Cube monopolisiert“ habe. Dies müsse verkehrt werden: Oben unerreichbar die Kunst, unten staunend der Städter.Das kann tödlich enden. Kendell Geers ließ Hohlblocksteine an Seilen von der Decke baumeln – so wie Kriminelle in Südafrika schwere Steine von Brücken schwingen, um die Scheiben von fahrenden Autos zu zerschlagen. Hinter dem Werk steht ein Ereignis. Das Memorial kann nun als Raumornament, Waffe oder Bauelement verwendet werden (Preis auf Anfrage). Mehrfachkodierung bestimmt auch die anderen Werke. Saadante Afif schnitzte nach dem Vorbild von André Cadere Stäbe und lässt sie wie Stalaktiten in den Raum ragen (480 Euro bis 5200 Euro). Susan Philipsz sorgt mit dem Rauschen, das Planeten um die Sonne erzeugen, für den Klang im Raum (6600 Euro). Alles erscheint, als wäre es nicht ganz von dieser Welt – wie jede außerordentliche Ausstellung.

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Asim Chughtai unterhält neben der Galerie Fleisch auch den Projektraum glue, und hat in direkter Konfrontation zur narrativen Malerei seine Schau „Welt ohne Gegenstände“ mit elf Künstlern, Katalog und kurzer Laufzeit produziert. Der Raum liegt im 4. Hinterhof (Prenzlauer Allee 34; bis 3. November), aber die Teilnehmer stehen qualitativ in der vordersten Reihe: Jens Wolf, Stefan Wieland, Gerwald Rockenschaub, Gerold Miller, Joachim Grommek, DAG. Man kennt diese Künstler aus dem Hamburger Bahnhof oder von Daimler Chrysler Contemporary und ist verblüfft, dass sie in der notdürftig renovierten Halle fast durchweg Meisterwerke abgeliefert haben. Als der Kurator am Eröffnungsabend nach Preisen gefragt wurde, hatte er sich darüber mit den Künstlern noch nicht verständigt. Aber dann: Eine makellose Paraphrase auf Malewitsch von Rockenschaub kostet nur 4300 Euro, die verlässliche Perfektion des noch immer unterschätzten Joachim Grommek 2000 Euro.

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