Kultur : Sternenhimmlisch

Stehplätze bevorzugt: das Warschauer Beethoven-Festival

Uwe Friedrich

Wenn der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski zum achten Ludwig van Beethoven Osterfestival in die Warschauer Philharmonie geht, müssen die anderen Besucher Schlange stehen – wegen der Sicherheitskontrollen. Einmal im Saal, werden sie jedoch überreich entschädigt dank Michaela Kaunes sehnsuchtsvollem Gesang in Felix Mendelssohns „Hör mein Bitten“ und das „Deutsche Requiem“ mit Kaune, Michael Volle, dem Chor der Bamberger Symphoniker und dem Orchester Sinfonia Varsovia. Selbst unter dem nicht sonderlich charismatischen Dirigenten Rolf Beck gelingt ihnen jene Balance zwischen Trauer und Zuversicht, die Brahms’ Werk so unwiderstehlich macht.

1997 wurde das Festival ins Leben gerufen, zunächst in Krakau, wo seit Kriegsende viele Beethoven-Handschriften in der Biblioteka Jagiellonska aufbewahrt werden. Die künstlerische Leiterin und Komponistengattin Elzbieta Penderecka hatte es gegründet, weil sie die unter Verschluss gehaltenen Manuskripte der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Unterdessen ist man in die Hauptstadt gezogen, denn der neue Krakauer Stadtpräsident wollte die finanziellen Wünsche des Festivals nicht erfüllen; der ebenfalls neue Stadtpräsident Warschaus nutzte die Gelegenheit zur kulturellen Aufwertung.

Dabei befinden sich die Studios des Polnischen Rundfunks abseits von Altstadt und Schloss im Vorort Ksawerów. Der Sendesaal ist hässlich – wie so viele Sendesäle der Siebzigerjahre –, die Akustik dank schwerer Schallsegel aus Kupfer jedoch vorbildlich. Olivier Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“ erklingt hier faszinierend zeitlos, konfrontiert mit Pendereckis tief berührendem Klarinettenquartett und Schostakowitschs Klaviertrio e-moll, in dem nicht einmal eine gerissene Saite die Geigerin Erika Raum aus dem Konzept bringen kann. Doch dann heißt es, schnell wieder im Stadtzentrum zu sein zum abendlichen Konzert der Warschauer Philharmoniker. Arto Noras spielt Schostakowitschs zweites Cellokonzert, es dirigiert Antoni Wit, nach der Pause dann Brahms’ zweite Symphonie: noch ein Triumph.

„Wir müssen die besten Künstler bringen, sonst hätten wir bei diesem sehr kritischen Publikum keine Chance“, erklärt Elzbieta Penderecka: Die Warschauer Musikliebhaber gelten als verwöhnt und snobistisch. Dabei sitzen die wahren Fans auf den billigen Plätzen. Wegen der Sicherheitsprobleme durften in der Philharmonie jedoch zunächst keine Stehplätze verkauft werden, bis Festivaldirektorin Jolanta Róza Koslowska sich auch hier durchsetzen konnte. Ihre Hauptsorge gilt jedoch den Finanzen. Das Festivalbudget beträgt etwa 1,5 Millionen Euro für 18 Konzerte in zehn Tagen: für polnische Verhältnisse eine ganze Menge, doch bei Künstlern wie James Conlon, Violeta Urmana oder Gidon Kremer ist das Geld schnell aufgebraucht. Ohne Sponsoren geht es nicht.

Diese Sorgen sind vergessen beim Abschlusskonzert im Teatr Wielki, dem großen Opernhaus aus den Sechzigern. Die flachen Marmortreppen könnte man mit Pferden hinaufreiten, der Zuschauerraum lockt mit erdbeereisfarbigen Sitzen, an der Decke hängen goldglänzend Sonne, Mond und Sterne in einer Kraterlandschaft. Das Opernorchester zeigt sich in Dvoráks „Stabat mater“ unter Chefdirigent Jacek Kaspszyk in Hochform, ebenso der Chor des Theaters. Offenbar haben die polnischen Spitzenmusiker ihre Heimat (noch) nicht verlassen. (Informationen unter www.beethoven.org.pl)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben