Kultur : Sternenwandler

Thea Herold

entdeckt himmlische Weiten in Berliner Galerien Einfach ein Wasserglas. Immer am gleichen Platz, immer von der gleichen Lampe beleuchtet. Ein schlichtes Glas auf dem sich das Atelierfenster spiegelt, am Tag und in der Nacht. Und doch ist jedes grundverschieden. Weil die Sterne immer anders stehen und jeder Tag ein neuer ist. „Tag um Tag ist guter Tag“ nennt der 72-jährige Maler Peter Dreher seine seit dreißig Jahren entstehende, fortlaufende Serie. Die in Berlin noch zu wenig bekannten Wassergläser zeigt jetzt die Galerie SPHN (Koppenplatz 6, bis 30. Oktober). Einer Reihe der älteren, unverkäuflichen Nachtgläser steht eine Reihe von Tagesgläsern (je 1500 Euro) jüngeren Datums gegenüber. Weit und breit ist keine Ermüdung des Künstlers an seiner Aufgabe zu sehen. Das ist große, sich selbst verjüngende Kunst. Ein Wasserglas als Lebensquelle.

Dem Phänomen der verrinnenden Zeit nähert sich in der gleichen Galerie auch der Künstler Thorsten Hallscheidt mit einer Installation. Der 1969 geborene Künstler stellte zur Vernissage einen gedeckten Tisch in die Mitte des Raumes. Fast schon ein flämisches Stillleben. Seitdem welken die Blumen, schimmelt der Käse, verfaulen die Früchte. Das Nature Morte wird einmal am Tag von einer Kamera umkreist, das Abbild flimmert an der Glaswand der Galerie (Video „Maschine V“ in Editions-Auflage von 10 je 450 Euro). Im Zeitraffer kann man Zeuge werden beim galoppierenden Verfall.

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Eine andere Sternstunde bietet der Berliner Künstler Tomas Schmit in der Galerie Barbara Wien (Linienstraße 158, bis 30. Oktober). Auf weißen Quadraten reflektiert er die Absurditäten des Lebens in Schwarz und Weiß, in Linie und Wort. Er hat „faule Fakire“ getroffen und erkennt die Hasen, die sich ihr Geld als Kaninchen verdienen. Karierte Zebras werden erklärt und dann, auch Fluxus-Senioren können’s auf DVD, wird beharrlich exerziert: Aus 230 verschiedene Punkten und Strichen ergeben sich fantastische Sternenkarten. Der Besucher erinnert sich an einen Gedanken von Erik Satie: „Ich suchte Punkte, Punkte, die in den Büchern des Observatoriums Sterne waren und in meiner Musik Noten werden sollten.“ Irgendwie beruhigend, dass man bis heute bei geduldiger Betrachtung selbst Sterne verwandeln kann.

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