Kultur : Sternenzelt und Zirkuskuppel

Artistische Stunden: Berliner Silvesterkonzerte der Staatskapelle, des RSB und DSO und des Konzerthausorchesters

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Romeo und Julia in der Manege. Das Artistenpaar Antoine & Aurore vom Zirkus Roncalli beim Shakespeare-Silvesterprogramm mit dem DSO im Tempodrom. Foto: DAVIDS/Mueller
Romeo und Julia in der Manege. Das Artistenpaar Antoine & Aurore vom Zirkus Roncalli beim Shakespeare-Silvesterprogramm mit dem...Foto: DAVIDS/ Mueller

Als Arnold Schönberg 1915 in Wien Beethovens Neunte dirigierte, trat zu ihm ein Mann ins Künstlerzimmer, um zu erklären, dass dies die 50. Aufführung des Werkes sei, die er von Anfang bis Ende angehört habe. Dieses Erlebnis hat den Schöpfer der Neuen Musik lebenslang nicht losgelassen. Es prägt seine Ideen über die Rolle des Gedächtnisses bei der Bewertung von Musik: „Man stelle sich vor, wie gut diese Leute jeden Ton ihrer Lieblingsmusik kannten!“ Und der Komponist, dessen Musik als schwer verständlich gilt, träumt von der Erinnerung als Kriterium für das Verstehen. Bei der d-Moll-Sinfonie von Beethoven kommt das Außermusikalische hinzu: das Bild der ihre Freiheit bejubelnden Menschenmenge und der rätselvolle, über Sternen thronende Gott. Das ist das Silvesterstück schlechthin, Feiertäglichkeit. Mag der moralische Schwung der Partitur am Ende ihre stilistische Einheit untergraben, große Dirigenten wissen das. Und wollen es sich doch nicht nehmen lassen, den Jahreswechsel mit dem Eindrucksvollsten zu begehen, was in Konzertsälen zu erleben ist.

Dazu gehören in Berlin Daniel Barenboim mit der Staatskapelle und Marek Janowski mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester, zwei Chefdirigenten, denen ihre Musiker in kühnem Vertrauen das Leitungsamt jeweils auf Lebenszeit angetragen haben.

Janowski behütet das RSB mit strenger Güte. So befindet es sich in der Blüte seiner Neuzeit. Die Interpretation im Konzerthaus ist nicht revolutionär, sondern im besten Sinn kapellmeisterlich, im ersten Satz mit integrierten Soli, horchend auf das Wartende der Musik, die Lust des Paukenschlags. Der zweite geht so weit ins Molto vivace, dass Steigerung möglich bleibt, die Pauke dominiert bis ins diminuendo, immer Ton, nicht Lärm. Überhaupt gelingen fein alle Abphrasierungen, auch im Adagio mit vollem drittem Horn.

Der Melodiker Janowski modelliert im Finale (mit der linken Hand) das Thema der Celli und Kontrabässe, verwaltet das luzide Pianissimo des Rundfunkchors, bis dem Dirigenten nicht viel mehr bleibt, als die Freude zu koordinieren. Im erfahrenen Solistenquartett (mit Iris Vermillion, Torsten Kerl und Kwangchul Youn) behauptet sich Heidi Stober als Einspringerin für eine erkrankte Einspringerin. Wer denkt schon noch an das „schlechte Gedicht“ (von Schiller selbst so genannt), wenn eine stringente Aufführung ins Prestissimo eilt.

Barenboim scheint sich mehr an den „frommen Gesang in einer Sinfonie“ (Beethoven) zu halten. Gegen die bezwingende Sachlichkeit Janowskis setzt er das Misterioso, die Wunder des unerhörten Augenblicks. Das ist von jeher seine Kunst, die sich nicht befehlen lässt. Hier gilt es zunächst, sich auf die Konzertsituation im Schiller-Theater einzurichten. Auf der Bühne herrscht Enge bei romantischer Beethoven-Besetzung und Mischklang, der z. B. die wesentliche Charakteristik der Paukenschläge schluckt. Dominanz des Leisen und kammermusikalisch zarte Holzbläser trösten.

Dann aber kommt großes Adagio, die Sinfonie in ihrem Zenit. Wenn das zweite Thema einsetzt, steigern Barenboim und das Orchester die beiden Melodien zu einer Intensität, die sich nicht erschöpfen will, Spannung in der Langsamkeit, die Musik scheint über ihre Zeit hinaus ins Unendliche zu zielen, überwältigend.

Das Freudenthema in Celli und Bässen ist bei Barenboim keine Melodie, sondern ein Hauch. Seine Musikalität scheidet im Finale mit dem Opernchor (sehr texttreu einstudiert von Eberhard Friedrich) das Wesentliche vom Trivialen, mit beschwörendem Pathos. Im Solistenquartett (Anna Samuil, Simone Schröder, Burkhard Fritz, Hanno Müller-Brachmann) dominieren künstlerisch die Männerstimmen. Und in der Pause nach der langen Fermate „Vor Gott“ klingt der Akkord in der Stille scheinbar weiter. Utopie der „ganzen Welt“: Dies ist Barenboims expressives Finale. Sybill Mahlke

Das ist schon ein sehr großes Tier, mit sehr vielen Köpfen und Greifarmen, so ein sinfonisches Orchester. Wenn der elefantöse Tausendfüßler in einer Manege sitzt, fällt der Gegensatz von materieller Schwere und schwebender Materie erst richtig auf. Gravitation als musikalisches Phänomen: Das Deutsche Symphonie Orchester hat sich zu Silvester im Tempodrom wieder einmal mit Artisten und Clowns zusammengetan. Roncalli und DSO – wie höflich und respektvoll die vielleicht gar nicht so unterschiedlichen Menschen- und Tierarten miteinander umgehen, das war schööön! Berlin bietet übers Jahr alles Mögliche und Unmögliche, nur mit den Silvesterprogrammen, mit guter, intelligenter Unterhaltung hapert es. Da ist das DSO einmal im Jahr mutiger Marktführer.

Musik rund um Shakespeare soll das Motto sein. Nun gut, man kann den Kosmos des Dramatikers als Universalzirkus betrachten. Zur Eröffnung, was sonst, die Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ von Mendelssohn Bartholdy. Nachher auch weniger populäre Shakespeare-Kompositionen von Prokofjew, Schumann, Schostakowitsch, Tschaikowski. Alexander Liebreich, ein sportiver Schlaks am Pult, dirigiert das DSO leicht und vergnügt. „The Unanswered Question“ von Charles Ives (könnte Hamlet gemeint sein?) ist hier das Stück, das die Schwerkraft aufhebt, ein meditativer Tanz, ein poetischer Aufstieg in die Zirkuskuppel. Die Solistin Viviane Hagner spielt zwei Bravourstücke von Saint-Saëns in der Manege, da liegt das Zirzensische nah; Stradivari und Roncalli. Der Traditionszirkus hat sich einer sensiblen Körpersprache verschrieben. Das Artistenpaar Antoine und Aurore (er reichlich zwei Meter, sie ein kraftvoller Floh) zeigen ein zartes, anrührend komisches Heben, Abheben, Anschmiegen. Wenn ein Orchester ein Riesentier ist, das sich leicht macht, spielt der Artist Glen Nicolodi mit der Schwerkraft eine Wahnsinnstonleiter: Erst läuft er auf zwei Händen eine Treppe hinauf und herunter, dann wiederholt er die Nummer mit einer Hand. Er hüpft auf einer Hand über die Stufen, begleitet von seinem Jack-Russel-Terrier. Der Hund schaut sich das an, das kann er auch: und spaziert auf zwei Pfoten, den Hintern wie eine Ente gereckt, die Treppe herunter. Falls der Hund noch keinen Namen hat – William würde passen.Rüdiger Schaper

Österreich geht natürlich immer, besonders zum Jahreswechsel. Beim Konzerthausorchester entscheiden die Besucher übers Silvesterprogramm, zur Wahl stehen Komponisten, die aus den Provinzen „Kakaniens“ stammen, wie Robert Musil das Habsburgerreich nannte. Die Leitsterne fehlen, Mozart und Beethoven hatten ja einen Migrationshintergrund, aber im Vielvölkerstaat gab es genug Eigengewächse. Lothar Zagrosek geht mit der zupackend angegangenen Ouvertüre von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ erst mal zum damals großen Konkurrenten Wiens um den Rang der Musikmetropole, nach Paris. Dann aber wird es wirklich kakanisch: Bei Gustav Mahlers erster überlieferter Komposition, einem Klavierquintett, das Mahler als 16-Jähriger geschrieben hat, hält Zagrosek die Klanggebirge des später für Orchester massiv instrumentierten Werkes souverän in der Balance. Claudio Bohórquez beginnt den Solopart in Haydns Cellokonzert D-Dur wattiert, entwickelt aber dann einen schönen warmen Klang, vital und volltönend begleitet vom Orchester. Der Böhme Smetana diente einige Jahre vor seinem vaterländischen Zyklus, der ihn weltbekannt gemacht hat, Kaiser Franz Joseph eine „Triumphsymphonie“ an, von der das Orchester weise nur die letzten beiden Sätze spielt. Ihr hoher Ton wirkt heute peinlich, aber wenn man sie so ironisch-tänzelnd nimmt wie Zagrosek, wird daraus ein verdauliches Schmankerl. Intendant Sebastian Nordmann dankt dem Dirigenten mit den Worten, der Kampf zwischen Wien und Paris sei entschieden: Heute ist Berlin die Musikmetropole. Das musikalische Niveau des Abends gibt ihm recht. Udo Badelt

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