Kultur : Sternstunden

Der Verleger KD Wolff wird 70 Jahre alt.

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Manchmal wird man auf kuriose Weise von der eigenen Vergangenheit eingeholt. Im Mai 2010 wollte der Stroemfeld-Verleger KD Wolff zu einer wissenschaftlichen Tagung in die USA einreisen. Er sollte dort als Zeitzeuge sprechen, unter anderem in seiner Eigenschaft als Gründer des „Black Panther Solidaritätskomitees“ an der Universität Frankfurt im Jahr 1969. Allein, zu seinem Auftritt kam es erst gar nicht, weil er am New Yorker Flughafen abgewiesen wurde. Das Reizwort, das die amerikanischen Behörden zu diesem Schritt veranlasste, zieht sich durch Wolffs Biografie. Es lautet: sozialistisch.

Karl Dietrich Wolff, der sich von allen nur „Kahdee“ nennen lässt, weil ihn der gewichtige Klang seiner traditionellen deutschen Vornamen schon immer abgeschreckt hat, wurde 1943 in Marburg geboren; in einer Stadt, in der es noch heute eingeschworene Kommunisten geben soll. Wolff wuchs in einem bildungsbürgerlichen Haushalt auf. Mit dreizehn Jahren begann er durch einen Zufall mit der Kafka-Lektüre. Es war der Beginn einer Faszination, die bis heute geblieben ist.

Die Politisierung seiner Generation als Reflex auf das bleierne Schweigen der Eltern erfasste Wolff voll und ganz. Er studierte Jura in Marburg, Freiburg und Frankfurt am Main und war ein wesentlicher Bestandteil jener außerparlamentarischen Oppositionsszene, die sich Jahrzehnte später in Gestalt von Charismatikern wie Joschka Fischer oder Daniel Cohn-Bendit ihren Weg in die Staatslenkung bahnen sollte. Seit 1965 saß Wolff im Studentenparlament; 1967/68 war er Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Trotz des enormen Grades an Politisierung (auf knapp 40 Strafverfahren brachte es KD Wolff in dieser Zeit; verteidigt wurde er zumeist vom späteren hessischen Justizminister Rupert von Plottnitz) zog es KD Wolff nie in die Politik. Er wollte Bücher machen, Aufklärung betreiben und Literatur verlegen.

Gemeinsam mit Jörg Schröder gründete er den legendären März-Verlag; 1970 schied er nach Differenzen aus und fing mit dem Verlag Roter Stern neu an. Der stand unter permanenter staatlicher Beobachtung, weswegen Wolff 1979 in der Schweiz den Stroemfeld Verlag gründete. Als der Rote Stern zu Beginn der 90er-Jahre am Ende war, konnte Wolff mit dem Ableger weiterarbeiten. Selbstbewusstsein, Chuzpe, die Zuversicht, dass es immer irgendwie weitergehen kann, und das Gespür für eine perfekte Inszenierung als wackerer David in einer Welt der Goliathe – all das zeichnet ihn aus.

Wolffs verlegerische Leistungen sind herausragend: Klaus Theweleits „Männerphantasien“ sind zu einem soziologischen Standardwerk geworden; die historisch-kritischen Editionen der Werke Kafkas, Kleists oder Hölderlins haben Maßstäbe gesetzt. Und nicht zuletzt hat er mit Peter Kurzeck einen der bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren im Programm. Es geht um Geld, immer wieder. Wolff muss es heranschaffen, und er kann das. Ob betteln demütigend sei? Nein, so die Antwort, man lerne dabei ja auch immer neue Leute kennen. Am heutigen Mittwoch wird KD Wolff 70 Jahre alt. Christoph Schröder

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