Kultur : Steuermoral nach Gusto

Peter Schneider kennt die Ursache von Italiens Schulden

Il Bel Paese, in dem ich nach einem nassen deutschen Sommer einen schönen September verbringe, hat durchaus das Zeug dazu, den Euro und das uneinige Europa ins warme Mittelmeer zu ziehen. Jedem Europäer, der in diesen Tagen über Italiens Probleme redet, fällt sofort der Name Silvio Berlusconi ein. Aber noch vor Berlusconi gebührt einem anderen Delinquenten die Krone des Hauptschuldigen an Italiens Malaise: dem italienischen Steuerzahler.

Das deutsche Wort Steuermoral ist ins Italienische nicht übersetzbar. Als moralisch gerechtfertigt gilt allenfalls der Steuerbetrug gegenüber „einem räuberischen Staat“. Dank dieses Volkssports, der noch populärer als der Fußball ist, entgehen dem Staat 120 bis130 Milliarden jährlich. Allein die Hälfte dieser Summe würde ausreichen, Italiens Sparpaket für dieses Jahr zu finanzieren. Zwar äußern 90 Prozent der italienischen Wähler bei Umfragen regelmäßig ihre Wut auf die Steuerhinterzieher, aber gemeint sind immer nur die Steuerhinterzieher nebenan, vorzugsweise die in den Reichenvierteln.

35 Prozent der Italiener geben ein jährliches Einkommen unter 15 000 Euro an, nur zwei Prozent erreichen angeblich mehr als 74 000 Euro im Jahr. Ich erinnere mich an die Erzählung eines Journalisten, der in der Umgebung von Turin in einer wohlhabenden Kleinstadt lebt. Einmal hatte er aus beruflicher Neugier Einsicht in die Steuereinnahmen seiner Kommune genommen. Zu seiner Verblüffung stellte er fest, dass er, der Lokalreporter einer Turiner Zeitung, bei weitem die höchsten Steuern der kleinen Stadt bezahlte. Die Chefs der Alfa-Romeo-Vertretung an der Ecke, der Großtankstelle am Stadtausgang, der Bankfiliale und des Supermarkts im Zentrum – sie alle zahlten weniger als er, der Lokalreporter.

Jeder, der in Italien einmal ein Grundstück erworben hat, hat wahrscheinlich eine ähnliche Erfahrung gemacht wie ich. In Gegenwart eines Notars – und oft mit seiner Hilfe – werden zwei verschiedene Verträge ausgefertigt: ein sogenannter privater Vertrag für die Vertragspartner, ein zweiter für das Finanzamt. Die Kaufsumme, die im privaten Vertrag steht, liegt um mindestens das Doppelte, oft auch um ein Vielfaches über der im offiziellen Vertrag genannten, nach der sich die anfallenden Steuern für die Kontrahenten bemessen.

Beim Hausbau geht es weiter. Alle, der Bauleiter, der Architekt, der Schreiner, der Elektriker, wollen immer nur Bares sehen. Wenn der Bauherr auf einer ordentlichen Rechnung besteht, wächst die verlangte Summe ins Unermessliche. Das Resultat ist, dass er in seinen Unterlagen nur winzige Abreißzettel mit unleserlichen Summen und Unterschriften findet. Die mit Rechnungen belegten Ausgaben würden nicht einmal für eine Garage ausreichen.

Entsprechend wenig bleibt für das Finanzamt übrig. Am Ende dieses Betrugsspiels sind alle die Betrogenen. Der Staat kann selbst die nötigsten Ausgaben für Ausbildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur und den Schuldendienst nur auf Pump finanzieren, das Wirtschaftswachstum liegt seit zehn Jahren bei Null, Italiens Jugend (30 Prozent sind arbeitslos) ist entschlossen, dem Bel Paese den Rücken zu kehren und es ganz den Touristen zu überlassen.

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