Steve McQueen in Berlin : Fließen, Stoppen, Umleiten

Peter Herbstreuth

Die Berliner DAAD-Galerie zeigt Arbeiten des britischen Turner-PreisträgersPeter Herbstreuth

Bei der Ausstellung "Sensation" war der britische Künstler Steve McQueen nicht dabei. Trotzdem zählt er zu den Neulingen aus Großbritannien. So war er gemeinsam mit Tracey Emin, Steven Pippin, Jane und Louise Wilson Finalist für den renommierten Turner-Preis, der ihm unlängst in der Londoner Tate-Galerie verliehen wurde. Überdies genießt er momentan das DAAD-Jahresstipendium. Und wenn er sich nicht in Berlin, Paris oder London aufhält, dann ist er zuhause in seiner Wohnung in Amsterdam.

Der 30-jährige McQueen arbeitet seit sieben Jahren mit Filmen. Sie sind meist kurz und scheinen eine Ewigkeit zu dauern. Lange Einstellungen, in denen wenig geschieht, stellen geschichtenhungrige Kinogänger auf die Geduldsprobe. Deshalb eilt McQueen der Ruf voraus, er verlange zuviel von Ausstellungsbesuchern. Manche seiner Filme dauern drei Minuten, manche fünf: im Vergleich zu Andy Warhols 24-Stunden-Einstellung "Empire State Building" von 1964 kaum länger als ein Wimpernschlag. Doch McQueen will nicht die Zeit vergehen sehen. Er sucht die Geste des Blicks.

In dem zum Turner-Preises eingereichten Film ist die Kamera auf einen Fluß gerichtet. Man sieht das Wasser fließen und darauf eine vage Spiegelung. Hin und wieder klackt es. Plötzlich löst sich die Kamera aus ihrer Starre und schwenkt auf ein Fahrrad am Ufer. Darin liegt Humor. McQueen zeigt Medien der Bewegung mit kaum bewegtem Blick und achtet auf die kleinen Unterschiede. Deshalb wirkt der Schwenk wie ein Ereignis. Und die Projektion selbst rückt als Flackern in den Blick.

McQueen will nichts erzählen. Er beobachtet die Stille und sucht in der Bewegung das Bild. Der Dichter und Kunstkritiker Charles Baudelaire traute der Geste zu, sie könne die "emphatische Wahrheit in den großen Momenten des Lebens" sichtbar machen. Dazu bedurfte es der artikulierten Bewegung im richtigen Moment und des Blicks, der sie in ihrer Bildlichkeit erkennt. Die Geste erscheint als Bedeutungsproduzent - etwa Willy Brandts Kniefall in Warschau.

McQueen sucht diese Geste im Alltäglichen. Der symbolische Gehalt tendiert bei ihm gegen Null. Denn er rechnet mit der Dauer des Schauens und der abrupt abgebrochenen Bewegung. Sie ist für ihn ebenso entscheidend wie für den Fotografen Henri Cartier-Bresson "der entscheidende Moment abzudrücken". Bei McQueen wird der Schwenk, also die Aktion, jedoch mitgesehen. Die Wahrheit liegt in der Beziehung vom einen zum anderen.

In der kleinen Schau der DAAD-Galerie sind fünfzig Fotos zu sehen, die ein einziges Motiv variieren. Während eines Paris-Aufenthalts vor zwei Jahren war McQueen aufgefallen, dass in manchen Straßen das Regenwasser an den Abflußlöchern vorbeifließt. Die Anwohner legen zusammengerollte Teppiche, Lappen, Stoffbündel schräg davor, um das Wasser zu stauen, damit es ordentlich abfließen kann. Darauf bezieht sich der Ausstellungstitel "Barrage". Fliessen, Stoppen, Umleiten: Das Prinzip ähnelt McQueens Filmen. Läßt man sie bei der Betrachtung der Fotos unberücksichtigt, weiß man die kleine konsequent verfolgte Beobachtung nicht zu schätzen.

Die Ausstellung in der DAAD-Galerie wirkt wie eine Etüde. Als einzigen Kommentar hat McQueen die etwa hundert Bedeutungen und Wendungen von "barrage" im Katalog drucken lassen. Sie reichen von "Damm" über "vor Gericht erscheinen" bis "Stoßbohrer". Das verwirrt die visuelle Leistung. Sie ist eine Fußnote zu den Filmen. Noch ist mit Steve McQueen ohne Filme keine vollwertige Ausstellung zu machen. Wer aber andererseits nur diese kennt, verkennt seine Arbeit.DAAD-Galerie, Kurfürstenstraße 58, bis 12. März; täglich 12.30 Uhr bis 19 Uhr. Der Katalog kostet 30 Mark.

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