Steve Reich beim Atonal-Festival : Tanzen, wanken, schwitzen

Das Heizkraftwerk Mitte ist als Veranstaltungsort des Atonal-Festivals der Ort schlechthin für audiovisuelle Wahrnehmungsexperimente. In diesem Jahr begann das Festival mit einem großartigen Auftritt von Steve Reich.

Volker Lüke
Das Heizkraftwerk Mitte
Das Heizkraftwerk MitteFoto: Camille Blake

Der Besuch des ehemaligen Heizkraftwerks Mitte ist wie ein Sprung in eine Traum-Fantasie. In der Industriekathedrale, die seit 2007 den Tresor-Club beherbergt und mit ihren meterhohen Decken den Charme einer Science-Fiction-Kulisse verströmt, wurde 2013 das Berliner Atonal-Festival wiederbelebt. Von 1982 bis 1990 präsentierte es unter der Ägide von Dimitri Hegemann eine Auswahl vom experimentellen Sägen der Subkultur-Szene um die Einstürzenden Neubauten bis zum DJ-Set von Techno-Star Jeff Mills – ein Vorbild für Musikreihen an der Schnittstelle von Geräuschmusik und Clubkultur.

Das Heizkraftwerk ist auch dieses Jahr als Veranstaltungsort des Atonal-Festivals der Ort schlechthin für audiovisuelle Wahrnehmungsexperimente. Neben den Musikacts gibt es Installationen, Filmvorführungen, Workshops. Und ein 4-D-Sound-System, das die Töne plastisch im Raum abbildet (jeweils um 18 Uhr bei Auftritten von Murcof, Senking und Biosphere). Mit dabei sind außerdem Ike Yard aus New York, der kanadische Drone-Spezialist Tim Hecker, Italiens Ambient-Techno-Überflieger Donato Dozzy und der düstere UK-Drum-&-Bass-Veteran Jim Baker aka Source Direct.

Das fünftägige Programm bringt alte Helden der elektronischen Musik mit neuesten Clubbastarden zusammen. Eine Sensation ist der Auftritt der Industrial-Band Cabaret Voltaire, die am Samstag zum ersten Mal nach 20 Jahren wieder eine Bühne betritt, wenn auch nur in Person des einzig verbliebenen Mitglieds Richard H. Kirk.

Steve Reich und die alte Liebe zu Puls und Patterns

Los geht es mit einem Klassiker: Steve Reich, als Pionier der Minimal Music der Urvater der Clubkultur. Obwohl bereits in den Siebzigern Hippies zu seiner Musik getanzt haben, feiert der Nachwuchs den New Yorker Komponisten als Helden der elektronischen Musik. Auch wenn Reich nach eigener Aussage mit Clubmusik nichts anfangen kann, vertragen sich seine Einfälle mit den Ideen vieler Techno-Künstler. Auch durch die „Music for 18 Musicians“, aufgeführt durch das Frankfurter Neue-Musik-Orchester Ensemble Modern, erhält die alte Liebe zu Puls und Patterns neuen Auftrieb.

Mit einer fast beunruhigenden Exaktheit tragen die Musiker Reichs Schlüsselwerk vor – mit Violine, Cello, Klarinetten, Klavieren, Marimbas, Xylo- und Metallofon sowie den vier Frauenstimmen des Londoner Vokalensembles Synergy Vocals. Die sich wiederholenden Klangmuster entfalten eine hypnotische Wirkung. Alles fließt auch bei John Elliott, der als Imaginary Softwoods Klangwolken zum Wegdösen aus dem Laptop purzeln lässt. Zischende Geräuschgebilde schwirren dabei durch den Saal.

Der Wiener Medienkünstler Konrad Becker führt zum ersten Mal sein als Monoton veröffentlichtes Debütalbum „Monotonprodukt 07“ von 1982 auf. Eine tanzbare Synthese aus Bumm-Tschak-Bumm-Elektronik und Industrial. Becker erhält nun jene Aufmerksamkeit, die er bereits verdient hätte, als die Neubauten beim ersten Atonal-Festival im SO36 noch mit dem Presslufthammer alte Hörgewohnheiten aufbrechen wollten. Die Zeiten sind freilich vorbei. Heute zertrümmert keiner seinen Laptop. Dafür wird gewankt, geschwitzt und getanzt, bis das Wasser von den Wänden tropft.

Noch bis Sonntag, Kraftwerk, Köpenicker Str. 70

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