Kultur : Stich ins Blaugrün: Alan Parkers Film nach Frank McCourt

Simone Mahrenholz

Am Anfang war ein Gedanke. Kein Bild. Der Gedanke des britischen Filmregisseurs und Produzenten Alan Parker: Wir sollten Frank McCourts Bestseller verfilmen, sechs Millionen Käufer weltweit können nicht irren. Memoiren, die sich über zwei Jahre lang auf der Bestsellerliste der New York Times halten, nicht zu verfilmen, wäre rausgeschmissenes Geld. Und dann castete man fünfzehntausend Kinder, wie das Presseheft mehrfach hervorhebt, verpflichtete mit Emily Watson und Robert Carlyle zwei ebenso bleiche wie angesehene Stars der britischen Insel und versicherte sich der besten Regenmaschinen weit und breit.

Alan Parker hat zugeschlagen, mit der ihm eigenen Energie und Insistenz. Sein Name steht für Wucht und Wut, die kostbarsten Ingredienzen des britischen Films - für "The Wall" und "The Commitments", für "Midnight Express", und "Bugsy Malone" und nicht zuletzt für Werbefilme, in denen Parker sein Metier lernte. Wieder haut Parker ästhetisch voll zu - und haut diesmal leider mit allergrößter Insistenz daneben. McCourts Buch handelt von einer Kindheit in den Slums von Limerick in Irland: Geboren wurde er in Brooklyn während der großen Depression in einer Familie irischer Einwanderer, und diese Familie kehrt, von Armut gebeutelt, zurück in die Heimat - was keine glückliche Entscheidung war. Im Gegenteil, hier regiert der Katholizismus mit aller Unmenschlichkeit, derer er fähig ist.

"Im alten Limerick konnte man keinen Stein werfen, ohne einen Priester zu treffen", schreibt der Autor. Dieser älteste Sohn einer kinderreichen, vom Hunger gebeutelten und in Slums hausenden Familie mit einem Alkoholiker als ökonomisch nutzlosem, aber poetisch begabtem Familienoberhaupt beschreibt diese Armut, die Kette betrogener Hoffnungen und grausamer Schicksalsschläge sehr genau - aber auch, neben allem Pathos, mit Geist, Humor, Eleganz und einer sehr persönlichen Selbstironie.

Alan Parker meint nun offenbar, diesen Geist zu evozieren, wenn er nur die miserablen Lebensumstände so exakt, überwältigend und ausweglos wie möglich zeigt. Über zwei Stunden Regen und Schlamm, Tränen, Leid, Tod mit einer stetig gleichbleibenden Dramaturgie können nicht fehlgehen. Parker meinte zweifellos, daß in uns allen kleine McCourts ihre Stimme erheben, wenn er uns die Not der Lebensbedingungen nur eindringlich genug um die Ohren haut. Doch genau diese eigene Stimme, um deretwillen das Buch von Kritik und Lesern verschlungen wurde, fehlt im Film ganz. Wir sehen drei Kinder-McCourts in den verschiedensten Lebensaltern, dessen ältester am Schluss mit neunzehn das Land Richtung USA verläßt. Doch keiner dieser Kinder-Franks, aus deren Perspektive die Geschichte einer Kindheit erzählt ist, gewinnt wirklich eigene Konturen, und die Eltern in der prominent besetzten Darstellung von Emily Watson und Robert Carlyle vermögen auch wenig Interesse zu wecken, weil der Film von Anfang an keinen Zweifel läßt, dass sie sich nicht entwickeln werden.

Das ist das dramaturgische Problem: Es entwickelt sich eigentlich gar nichts. Anstelle der Selbstironie, des lyrischen Tons, der sich aus dem Elend erhebenden Menschlichkeit und des hintergründigen Humors sehen wir ab und zu ein paar müde Jokes, ansonsten bleibt alles im konsequent durchgehaltenen grün-blau-stichigen Ton der Hoffnungslosigkeit. So sollte man das Buch lesen - samt dessen Fortsetzung "Ein rundherum tolles Land". Und Parker sollte man für den nächsten Film Entspannung wünschen.In 13 Berliner Kinos; Neues Off (OmU)

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