Kultur : Stiefmutters Pflänzchen

KLASSIK

Helge Rehders

Mit der Meinung, dass es tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, besser ist als man glaubt, steht Herbert Grönemeyer nicht allein. Die Musikwelt hat den Bochumer Generalmusikdirektor Steven Sloane längst als einen der innovativsten Programmgestalter identifiziert. Dass er für das Berliner Publikum im Großen Sendesaal des SFB nun ein Portrait des selten gespielten amerikanischen Komponisten Ernest Bloch zeichnen darf, spricht wieder einmal für die kluge Personalpolitik der Veranstalter. Bloch oszilliert zwischen Strauss, Ravel und Debussy. Gemessen an dem Anspruch, ihn ins aktive Konzertleben zurückzuholen, ist Sloane mit diesem Konzert gescheitert. An den Ausführenden liegt das nicht. Bei den symphonischen Dichtungen „Hiver“ und „Printemps“ lässt das Deutsche Symphonie-Orchester die üppigen Blüten spätromantischen Klangschmelzes ebenso zur Geltung kommen wie das stiefmütterliche Pflänzchen feiner Detailarbeit. Die Suite für Viola und Orchester mit der ebenso fabelhaften wie herzlosen Tabea Zimmermann, die ihrer Fangemeinde nicht eine Zugabe gönnt, ist ebenso ideal besetzt wie die vier süßlichen Orchesterlieder „Poèmes d’automne“, die von der französischen Sopranistin Sophie Koch standesgemäß gehaucht werden. All das wirft ein eindrucksvolles Licht auf die Virtuosität, mit der der junge Ernest sich aus dem Formen- und Klangfundus seiner Zeit bedient. Leider startet Sloane aber keine Zeitreise durch das Schaffen des 1959 im Alter von fast achtzig Jahren gestorbenen Komponisten. Vielmehr debussiert er sich ausschließlich durch Werke der ersten zwei Dezennien des letzten Jahrhunderts. Das aber genügt für eine Rehabilitation nicht.

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