Kultur : Stiftung Liebestest

Sandra Luzina

Drei hysterische Frauen - René Pollesch ist zu seiner favorisierten Besetzung zurückgekehrt. "Menschen in Scheiß-Hotels - Insourcing des Zuhause" setzt die Auseinandersetzung von "Stadt als Beute" fort, wo die Transformationsprozesse des "Unternehmens Stadt" besichtigt wurden. Der Prater-Chef plant die gesamte Spielzeit als eine "Dauerverständigung" über den Zusammenhang von Arbeiten, Leben, Lieben im Turbokapitalismus. Durchgespielt werden Szenarien der New Economy, deren Vermarktungszwänge, deren Ausbeutungsmechanismen Pollesch selbst im Sex aufspürt. Der Anstoß kam von dem Journalistinnentrio Lorenz /Kuster / Boudry, das sich in einem Büro-Suiten-Hotel eingemietet hat. Die fließenden Übergänge von Arbeiten und Wohnen werden thematisiert, daraus entspinnt sich dann ein politischer Diskurs, der die westliche Zivilisation mit ihren Ausgrenzungstrategien ins Visier nimmt.

Nina Kronjäger, Christine Groß und Claudia Splitt sind Schwestern von Heidi Hoh, der Pollesch ein Trilogie gewidmet hat: nicht mehr als Telearbeiterin müssen sich diese Frauen verdingen, sie mieten sich in einer Manager-Suite ein und sind doch wieder nur "Frauen unter Einfluss". In Stiefeletten stöckeln sie durch die schäbige Zimmerflucht von Bert Neumann. Die Zuschauer sitzen wieder auf Büro-Drehstühlen sitzen. Zuhause im Hotel - das ist zuerst einmal da, wo diese working girls ihren Laptop einstöpseln: in Verhältnisse eingestöpselt, die sie ablehnen. Entkommen können sie nicht. Doch produzieren sie im Schnellsprechen Kurzschlüsse, katapultieren sich kreischend in hysterische Schübe. Und müssen verwirrt feststellen, dass in ihrem Büro-Hotel Vorstellungen von Zuhause hervorgebracht, obendrein Gefühle produziert weden, die nur Dienstleistung sind - und doch echt.

Diese working girls sind nur schein-selbständig, suggeriert Pollesch, sind doch Insassen eines love-hotels, wieder im Bordell gelandet. Kreisch! So dürfen die Protagonistinnen sich wieder als Ficksau beschimpfen wie in Folge 1 der Versuchsreihe. Bis der Diskurs sich in höhere Etagen hochschraubt, im Bertelsmann-Building in Manhattan ankommt, um bei fensterputzenden Migranten und Standard-Lust-Replikanten zu landen. Ware Liebe - ein Fall für die Stiftung Warentest? Nina Kronjäger, die einen Fuchsschwanz am Rock trägt, mutiert in einen Blade Runner auf Androidenjagd, der alle einem Gefühlstest unterziehen will. Pollesch-Figuren wollen anders leben, nur wie? Das ganze Stück durchzieht ein politischer Subtext. Während der Vorstellung läuft ein Hundetrainer-Video über eine Hunderasse, die auf den Namen Afghanen getauft ist. Lebensmittel in Form von Frolic-Plätzchen werden abgeworfen. Hundsgemeine Pollesch-Witze, die funktionieren. Ansonsten wirkt die Performance kraftlos. Das Changieren zwischen dem Analytischen und dem Hysterischen und die vielen Hänger werfen Rhythmus und Tempo durcheinander. Aus der Speed-Performance wird eine Strapaze, wenn die Überdosis Text nur noch Rauschen produziert.

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