Kultur : Stiftung Stadtmuseum: Aufräumarbeiten im Köllnischen Park

Michael Zajonz

Ulrich Roloff-Momin dürfte kaum die Implosion der Berliner Kulturpolitik vorausgeahnt haben, als er 1995 nach einem Direktor für die neue Stiftung Stadtmuseum suchte. Das Kalkül des damaligen Kultursenators bei der Berufung seines Museumsreferenten Rainer Güntzer auf diesen Posten: Kein glamouröser Blitzstart, sondern "stille Kärrnerarbeit durch einen mit den Verhältnissen bereits Vertrauten". Was zunächst nach Fleißarbeit aussah, entpuppte sich bald als Überdosis vereinigungsbedingten Aufräumens in Berlins unübersichtlicher Museumslandschaft. Die hatte sich Güntzer selbst eingebrockt, trägt das 1994 erlassene Stiftungsgesetz doch seine Handschrift.

Nach dem Ringen um das Jüdische Museum steht nun die Struktur des kommunalen Museumsverbunds zur Diskussion. Ineffizient, langweilig, auf zu viele Standorte verteilt - so lautet das Urteil von Kritikern, wie dem mit Güntzer innig verfeindeten Christoph Stölzl. Als Vorsitzender des Stiftungsrats hatte er ein zum "Masterplan" stilisiertes Sparkonzept bestellt - dessen derzeit abzuarbeitende Nachbesserungen nach Stölzls Abgang wohl Makulatur sind. Wechselnde politische Winde taugen für Museumstanker nicht. Und so sieht sich der Chef des größten deutschen Stadtmuseums in der undankbaren Rolle desjenigen, der beim Steuern stur geradeaus blicken muss: "Diese Arbeit gleicht einem Akt der Verleugnung".

Ruch des musealen Leichtmatrosen

Gibt es Ballast, von dem sich Güntzer trennen kann, ohne in den Ruch des musealen Leichtmatrosen zu geraten? Denn nach einer knappen Million Defizit in diesem Jahr droht 2002 eines von 2,2 Millionen. Kostenfaktor Personal: Zwar steht die Stiftung mit einem Anteil von unter 80 Prozent am Gesamthaushalt (2001: 17,3 Millionen Mark) gut da. Güntzers aktuelles Personalkonzept dürfte Einsparpotenziale ausgereizt haben. Die Stiftung veringerte die Zahl der Mitarbeiter seit 1995 um ein Viertel auf 190.

Auch die von der Kulturverwaltung gewünschte Abgabe von Beständen würde lediglich Kosten verschieben, es sei denn, eine durch den Bund finanzierte Institution springt ein. So landete die Sammlung Industrielle Gestaltung beim DHM. Durch eine Übergabe der Buchbestände an die Landesbibliothek würde der Ausbau des Turmes des Märkischen Museums als Magazin und Lesesaal unnötig. Aber ein 125-jähriges Museum ohne das "Gedächtnis" seiner Bücher? Eigentlich undenkbar. Bleibt die Schließung einiger der über das Stadtgebiet verteilten 15 Standorte. Güntzer schlägt die Aufgabe eines Drittels von ihnen - so am Olympiastadion (Sportmuseum) und in Alt-Marzahn (Handwerks- und Friseurmuseum) - vor. Zusätzlich steht Schloss Friedrichsfelde, das für barockes Kunstgewerbe vorgesehen ist, auf der Abschussliste. Alternative Nutzungen - ein Kongresszentrum oder ein privates Klaviermuseum - klingen nicht aufregend; die Schlösserverwaltung hat ebenfalls abgewunken. Güntzer: "Keiner macht es so preiswert wie wir."

Unbescheiden, wie notorische Sammler sind, erhofft man sich sogar zusätzliche Flächen in der Domäne Dahlem und im Köllnischen Gymnasium. Nur Pech, dass das spätklassizistische Haus vis-à-vis des Märkischen Museums von der Musikschule Mitte genutzt wird, die nicht kampflos weichen wird. Das Feilschen um den für die Stiftung idealen Standort - der ein attraktives Baugrundstück einschließt - ist in Gange. So berechtigt der Wunsch nach einer "kommunalen Museumsinsel am Köllnischen Park" auch ist - die Crux des "Masterplans" liegt in der unseligen Vermischung von Krisenmanagement und konzeptioneller Perspektive. Braucht Berlin überhaupt ein derart ausladendes Museum der Stadtgeschichte, wenn das Zentrum so wenig hermacht? Der "Masterplan" versucht, eine klare Antwort zu geben. Wie kommunizierende Röhren denkt man sich das System individueller Schatzhäuser, dem ohne das Stammhaus Märkisches Museum der belebende Impuls einer historischen Gesamterzählung abginge. Allein hier wird die Geschichte der Stadt von den naturräumlichen Voraussetzungen bis in die Gegenwart ins Zentrum rücken. Dafür wird seit 1997 überall im Haus gebaut.

Einer kühnen Mixtur aus märkischer Domkirche, Ordensburg und Renaissanceschloß gleich, harrt Ludwig Hoffmanns 1908 eröffneter Bau am Ufer der Spree auf bessere Tage. Die Architektin Christina Petersen konnte bereits die äußere Wiederherstellung des Katharinenflügels abschließen. Ein Glücksfall konservierender Denkmalpflege! Seit 1998 werden die verlotterten Innenräume hergerichtet. Mit der "Großen Halle", dem zentralen Skulpturensaal, wird am heutigen Sonnabend das Herzstück des Museumsschlosses wiedereröffnet.

Die Kosten von 2,1 Millionen Mark sind gut angelegt: Dem kriegszerstörten und in den Fünfzigerjahren durch Einzug einer Zwischendecke zum Depot degradierten Raum musste ein völlig neues Kreuzrippengewölbe eingezogen werden. Stein auf Stein gemauert - eine handwerkliche Großtat. Altweißer Kalkputz schließt wieder Gewölbe und kompliziert gefältelte Wandflächen optisch zu einem Ganzen zusammen. Dem Sandsteinboden ließ man seine Patina.

Die vom Architekten seinerzeit penibel auf die Raumwirkung abgestimmte Auswahl zumeist mittelalterlicher Objekte ließ sich nicht vollständig rekonstruieren. Denn auch spätere Generationen von Museumsleuten wirkten am Gesamtkunstwerk "Große Halle". Seit 1929 etwa steht die "Wunderblutglocke" fest gemauert auf der Erden und ließ sich auch durch DDR-Pragmatismus nicht verrücken. Anstelle des von Hoffmann an der Stirnwand platzierten Triumphkreuzes aus St. Nicolai hängt nun Karl Horst Hödickes "Sturm auf das Brandenburger Tor", begleitet durch Berlin-Bilder von Rainer Fetting, Harald Metzkes und Strawalde. Andachtsbilder, liturgisches Gerät und Epitaphien gegen den aktuellen Politkommentar. Reine Willkür, doch von suggestiver Kraft.

Vom Keller bis zum Turm

Letztere ging schon Ludwig Hoffmann über alle Wissenschaft, wie Kurt Winkler, Kurator am Märkischen Museum, in einem lesenswerten Aufsatz zeigt. Pünktlich zur Eröffnung des nun vollständig erlebbaren Rundgangs erscheint eine lange entbehrte Darstellung zur Geschichte des Hauses. Die Richard-Schöne-Gesellschaft hat die Ergebnisse eines Kolloquiums von 1999 zwischen zwei Buchdeckel gebracht - und en passant ein Standardwerk zum Typus des kulturhistorischen Museums vorgelegt. Neben der Analyse von Architektur, Sammlung wie bürgerlicher Bildungs- und Freizeitkultur rund um das Berliner Museum bietet der Band Ausblicke auf den Umgang mit vergleichbaren Instituten zwischen Mailand und Helsinki. Das macht Mut: Ehe das Märkische Museum bis 2007 vom Keller bis zum Turmgeschoss renoviert sein wird, dürften bei geschätzten Kosten von 40 Millionen Mark noch einige politische Hürden zu nehmen sein. Wenn sich Berlins Parlamentarier dieses Buch als Lektüre in die Sommerferien mitnehmen würden, wüssten sie endlich, was für einen Rohdiamanten sie mit dem Stadtmuseum in der Hand halten.

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