Kultur : Stiftung Stadtmuseum: Aus für die Außenposten

Bernhard Schulz

Am Abgrund tanzt es sich am besten: Offenbar nach diesem Motto lebt die Stiftung Stadtmuseum. Generaldirektor Reiner Güntzer musste sein Haus bei der Jahrespressekonferenz als "eigentlich konkursreif" bezeichnen, konnte aber zugleich ein beeindruckendes Ausstellungsprogramm vorstellen. Die Gelder der Lotto-Stiftung ermöglichen eine Retrospektive des Berliner Vedutenmalers des 19. Jahrhunderts, Eduard Gaertner, vom 23. März an im Ephraimpalais. Im Mai wird das Nicolaihaus als neuer Standort der vor drei Jahren im Stammhaus Märkisches Museum abgebauten Theatersammlung wiedereröffnet, und zwar mit der Ausstellung "Theater nach 1945". Ursprünglich sollte damit das Domizil des in der Stiftung Stadtmuseum aufgegangenen Berlin-Museums in der Kreuzberger Lindenstraße, bespielt werden, doch ging ehemalige Kolegienhaus bekanntlich aufs Jüdische Museum über. Allerdings muss die Übersicht über das Nachkriegstheater jetzt auf vier Folgen aufgeteilt werden. Ende August folgt als Beitrag zum Preußenjahr die Ausstellung "Berlin - ein riesiger Bauch. Hungerkrisen und Versorgung einer Metropole" - passenderweise in der Domäne Dahlem. Paralell dazu wird in der Nikolaikirche der 80. Geburtstags Kurt Mühlenhaupts mit einer (verspäteten) Retrospektive des einstigen Kreuzberger Malerpoeten begangen.

Wie sehr das Märkische Museum, von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann entworfen und 1908 eröffnet, als Zeugnis der Baugeschichte aus dem Gedächtnis verschwunden war, macht die seit Jahren vorangetriebene Restaurierung des Gebäudekomplexes deutlich. Mit der Wiedergewinnung der im Krieg zerstörten Großen Halle gewinnt Hoffmanns historisierende Anlage ihren Mittelpunkt zurück, und zwar im originalen Bauzustand. Am 23. Juni soll gefeiert werden, was das Stadtmuseum stolz als "Meilenstein der Berliner Denkmalpflege annonciert".

Das Freudenszenario verdüstert allerdings die Vorahnung des im März zu verabschiedenden Masterplans, den die Kulturpolitik der Stiftung aufgegeben hat. Gefordert ist die die Straffung sowohl der inhaltlichen Ausrichtung als auch der Standorte: Bis zu einem "Drittel des Gebäudebestandes", so Güntzer, müsse wohl aufgegeben werden. Obwohl Einzelheiten ungenannt blieben, liegt auf der Hand, dass die zahlreichen Außenposten von Dahlem bis Grünau zur Disposition stehen. Zum Ausgleich drängt Güntzer weiterhin auf die Überlassung des dem Stammhaus benachbarten, einstigen Köllnischen Gymnasiums. Das wäre in der Tat eine spürbare Stärkung dieser für das Gedächtnis der Stadt unabdingbaren Institution, nicht zuletzt in der öffentlichen Wahrnehmung.

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