Kultur : Stil-Vorgabe

JÖRG A.NOLL

Es gibt keine verbalen Kreuzzüge mehr.Der letzte selbstlose Ritter, der hinabstieg in die Niederungen der Gemeinheit, starb vor 63 Jahren: Karl Kraus.Einsam und furchtlos kämpfte er gegen die Verdummung an.Am 28.April wäre sein 125.Geburtstag.

Das Phänomen Karl Kraus erklärt sich durch die Divergenz von dem Gefühl für die Freiheit des Geistes einerseits und ihrem Ausverkauf andererseits.Daß die Freiheit der lüsternen Neugier, die sich als öffentliches Interesse ausgibt, preisgegeben und in kleinen Münzen auf den Markt geworfen wurde, war ihm verhaßt.Dafür steht die Aufsatzsammlung "Sittlichkeit und Kriminalität", die sich mit dem Fall der Annie Kolmar befaßt: Die junge Schauspielerin wurde des Ehebruchs bezichtigt und auf schamlose Weise der Öffentlichkeit vorgeführt.Kraus als einziger geißelte die Doppelmoral der willfährigen Ankläger.

Austragungsort dieser und anderer Attacken war die von Kraus herausgegebene "Fackel".Das erste Heft erschien Anfang April 1899, mußte mehrmals nachgedruckt werden und erreichte eine Auflage von 30 000 Exemplaren.In den 36 folgenden Jahrgängen schwankte die Auflage zwischen neun und 38 000.Kraus alleine war für die Fackel verantwortlich und ab 1911 ihr einziger Autor.Die Zeitschrift war zugleich intimes Journal, Chronik der laufenden Ereignisse und rhetorische Tribüne.

Kraus war ein äußerst formbewußter Mensch; er haßte jegliche Korruption.Seine bevorzugten Waffen waren die Glosse und das Zitat.Die Zensur zu umgehen, beschränkte sich Kraus oft darauf, Fundsachen aus der Presse, die also bereits die Zensur passiert hatten, wörtlich wiederzugeben und sie allein durch eine zusätzliche Überschrift oder typographische Hervorhebung als niederträchtig zu überführen.Er erfand das Zitat als Satire.So gab er seinen Lesern viel zu lachen, seinen Gegnern freilich nicht.

Indem er sie zitierte, fertigte er seine Gegner ab.So auch den Berliner Starkritiker Alfred Kerr.Als der auf schmähliche Weise Karl Liebknecht denunzierte und sich 1926 überdies als Pazifist und Mentor der Völkerverständigung gerierte, obwohl er Jahre zuvor unter Pseudonym glühende Kriegsgedichte veröffentlicht hatte, bekam er es mit Kraus zu tun und eben das vorgehalten.Nun wehrte sich Kerr derart unglücklich und überdies geschmacklos, daß Kraus seine Replik wörtlich in der Fackel abdrucken konnte mit dem Zusatz: "Es ist das Stärkste, was ich bisher gegen Kerr unternommen habe." Am Ende dieser Fehde schlug Kraus vor, Kerr solle seine mit der Kriegslyrik erworbenen Honorare spenden an die Kriegsblinden und Invaliden.

Zur Presse: Sie gab Kraus tagtäglich Anlaß zu neuen Schimpftiraden - und das gleich zweifach: Aufgrund ihrer Heuchelei und aufgrund ihrer sprachlichen Inkompetenz: Kraus schalt die Presse "denkkräftesparendes Blendwerk" und "Phrasensumpf".Leider gibt es noch immer genügend Journalisten, die sich die Wahrheit abkaufen lassen und ihre eigene Dummheit zum Maß aller Dinge machen, noch immer gibt es Redakteure, die die Sprache nicht als Ausdruck eines Gedankens begreifen und lieber in Phrasen schwelgen.Die Zerstörung der Sprache aber führt zu einer Verrohung der Phantasie, die wiederum zu einer der Sitten.

Kraus widmete sich stets konkreten Anliegen.Mit furiosem Haß ging er gegen vermeintliche kleine, aber durchaus symptomatische Auswüchse vor, selbst auf die Gefahr hin, daß sich die sprichwörtlichen Spatzen durch den Gebrauch der Krausschen Kanone überschätzt fühlen.Kraus wußte: Im kleinsten Schmierfink steckt der Weltuntergang."Sie sollen mich nur lassen; ich weiß schon, warum ich das unverhältnismäßige Mittel anwende, und weit problematischer bleibt doch mein Verfahren, Perlen vor die Säue zu werfen.Es dürfte sich aber herausstellen, daß ich mit Kanonen auf eben diese zu schießen pflege."

Des politischen Geschäfts müde - "jenes Fortwursteln", das gerade "die Wartezeit bis zum Untergang ausfüllt" -, wurde dem späten Kraus die Sprache zur letzten Zuflucht.In quasi religiöser Wertschätzung suchte er ihren Ursprung und sie mindestens vor Mißbrauch und Verunstaltung zu bewahren.Bei alledem war Kraus kein Oberlehrer.Stets ging es ihm nur darum, die Worte so zu setzen, "daß sie das Ineinander ergeben, in welchem Ding und Klang, Idee und Bild nicht ohne einander und nicht vor einander da sein konnten".Was fehlt, ist Stil."Daß es so etwas gibt, spüren fünf unter hundert."

Während man sich also im zwanglosen Umgang übe, der peinlichen Heiterkeit huldige und der Geistlosigkeit anheimgebe, walte, so Kraus, Niedertracht und Ahnungslosigkeit.Wahrheit sei nur noch lästig, der Karriere hinderlich.Statt ihrer: Klatsch- und Sensationen.Zu lachen gibt es da nichts mehr.Nur kümmert das keinen.Der "Fackel-Träger": "Einer Welt, die ihren Untergang ertrüge, wenn ihr nur seine kinematographische Vorführung nicht versagt bleibt, kann man mit dem Unbegreiflichen nicht bange machen."

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