Kultur : Still sein kann ich, wenn ich tot bin

Von der Kellerband zum Konzern: Die Rolling Stones feiern mit einer Doppel-CD ihren 40. Geburtstag

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Von Christian Schröder

Am Ende seufzt eine sehr müde Stimme: „Baby, get me out of here“. Ein Klavierakkord hängt noch einen Moment lang in der Luft, dann hört man Schritte, die sich langsam entfernen. Vielleicht hat man sich den Abgang der einstmals lautesten Band der Welt wirklich so vorzustellen: Sie wird keine Tür krachend hinter sich zuwerfen, sondern irgendwann einfach in der Stille verschwinden.

Die Stimme gehört Keith Richards, das Lied heißt „Losing My Touch“, es ist eins von nur vier neuen Stücken auf der Rolling Stones-Doppel-CD „Forty Licks“ (Virgin), die am Montag erscheint. „Forty Licks“, trompetet die Plattenfirma, sei ein Jubiläumsgeschenk der Rolling Stones an den Rest der Welt: „die erste umfassende Retrospektive“, „digital remastert“, vierzig Songs aus vierzig Jahren Bandgeschichte, von „Satisfaction“ bis „Start Me Up“. Dass unter die Klassiker auch ein paar Novitäten gestreut sind, würde man nicht unbedingt bemerken, wenn man es nicht wüsste. Sie klingen so, wie Stones-Nummern seit vierzig Jahren klingen: „Keys To Your Love“ ist eine abgeklärte Ballade, bei „Stealing My Heart“ gewittern die Gitarren, und „Don’t Stop“ – noch am ehesten hitverdächtig – hat eine hübsche Singalong-Melodie. Genaugenommen haben Jagger und Richards eine ganze Songwriterkarriere hindurch bloß zwei Stücke geschrieben, immer wieder neu: ein schnelles und ein langsames.

Das schnelle Stück heißt „Get Off Of MyCloud“, „Jumping Jack Flash“ oder „Brown Sugar“, das langsame „As Tears Go By“, „Angie“ oder „Fool To Cry". Die Kompositionen der Stones basieren auf simplem, schorfigem Rhythm’n’Blues, aber den Sound ihrer Platten haben sie immer wieder erfolgreich in den jeweils aktuellen musikalischen Zeitgeist eingepasst. Bei „Their Satanic Majesties Request“ (1967) gaben sie sich psychedelisch, mit „Black And Blue“ (76) salutierten sie dem Funk, seit „Steel Wheels“ (89) benutzen sie Samples. Man kann darüber streiten, wann Stones-Platten aufgehört haben, interessant zu sein: Viele Kritiker halten „Some Girls“ (78) für die letzte Großtat. Aber ums Glänzen geht es der Band schon lange nicht mehr, sondern ums Weitermachen. Die Veröffentlichungen der letzten beiden Dekaden wurden wechselnden Widrigkeiten abgetrotzt: den Zerwürfnissen zwischen Jagger und Richards, die die Gruppe mehrfach an den Rand der Auflösung brachten, und den Gesetzen der Biologie.

Sir Mick Jagger – er wurde im Juni von der Queen geadelt – wird im nächsten Sommer 60, Charlie Watts, der stoische Drummer, ist bereits 61, Bassist Bill Wyman stieg 1990 aus der Band aus und widmet sich mit seinen jetzt 65 Jahren dem Gartenbau. „Hope I get rich before I get old“, witzelten Julie Burchill und Tony Parsons schon vor einem Vierteljahrhundert zutreffend über die Stones. Jagger hatte einst sein Studium an der London School of Economics für die Musikkarriere abgebrochen. Sein unternehmerisches Genie verwandelte die Rolling Stones in einen florierenden multinationalen Konzern. Die aktuelle Welttournee, die im September in Boston begann und die Gruppe im kommenden August auch nach Berlin führen wird, soll das „Bridges To Babylon“-Unternehmen von vor fünf Jahren noch übertrumpfen. Hundert Millionen Dollar, heißt es, haben die Stones dafür schon vor Reiseantritt kassiert.

12. Juli 1962, ein warmer Sommerabend. Der Ort: das Marquee an der Oxford Street, ein Club, der sich damals noch The London Jazz Centre nennt. Ihren ersten Live-Auftritt verdanken die Rollin’ Stones – das „g“ werden sie erst einige Monate später in ihren n einfügen – ihrem Freund Alexis Korner, der den Termin an sie weitereichte, weil er von der BBC eingeladen wurde. Die Stones tragen Jackett und Krawatte und spielen sich durch ein schmales Repertoire von BluesStandards: „Kansas City“, „Back in the USA“, „Don’t Stay Out All Night“. Die Zuhörer sind mäßig begeistert. „Eine ganze Menge Leute tanzten“, erinnert sich Charlie Watts, der damals noch nicht dazugehörte und ins Marquee gekommen war, um sich die neue Band anzusehen. „Die typische Jazzfraktion fand es dagegen richtig furchtbar.“ Nach dem Konzert genehmigt sich die Gruppe noch einen Drink und teilt dann die Gage von 20 Pfund untereinander auf.

Dieser 12. Juli gilt gemeinhin als Geburtstag der Rolling Stones, und gerade das Fehlen von allem Spektakulären scheint die Wichtigkeit des Datums zu beglaubigen. Dabei gibt es eine Handvoll weiterer Ereignisse, die für die Anfänge der Band eine mindestens ebenso große Bedeutung besitzen. Der Morgen im Oktober 1960 etwa, an dem sich Mick Jagger und Keith Richards in einem Pendlerzug von Dartford, Grafschaft Kent, nach London treffen. Sie kennen sich vom Sehen aus der Schule, Jagger hat ein paar Alben von Chuck Berry und Muddy Waters unterm Arm. „Hallo, Mann“, sagt Richards, und Jagger entgegnet: „Wohin geht’s?“ Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und einer der erfolgreichsten Kreativkoalitionen zweier Künstler im 20. Jahrhundert.

Oder der Tag im Januar 1962, an dem der Optikerlehrling Brian Jones sein Idol Alexis Korner in London besucht und bei ihm Platten von Elmore James und Sonny Boy Williamson hört. Jones ist so begeistert, dass er sich Geld borgt, um einen elektronischen Tonabnehmer für seine Gitarre zu kaufen. Vier Monate später gibt er eine Anzeige in der Zeitschrift „Jazz News“ auf: „Musiker für eine Rhythm & Blues-Band gesucht“. Jones ist der eigentliche Gründer der Stones, ihr Chef wird er bleiben, bis die Drogen und sein Hang zur Selbstzerstörung ihn in die Isolation treiben. Am Ende – wir schreiben den 2. Juli 1969 – treibt seine Leiche im Swimmingpool. Brian Jones, der blonde Engel mit der schwarzen Seele, ist der erste Rock’n’Roll-Tote.

April 1963: noch ein Gründungsmythos. Die Stones haben sich in zahllosen Gigs bis zur Hausband im „Crawdaddy“, einem Club im Londoner Vorort Richmond, emporgespielt, aber ihre Karriere stagniert. Womöglich wäre die Band niemals aus dem schummrigen Halbdunkel des Nachtlokals in Richmond herausgetreten, wenn nicht eines Tages Andrew Loog Oldham dort aufgekreuzt wäre. Oldham ist PR-Agent, er erkennt das Potenzial der Stones sofort: „Der hämmernde Beat war purer Sex, und mein Herz tat einen gewaltigen Satz.“ Er nimmt die Band unter Vertrag, schleppt sie ins Musikstudio, bringt sie bei der Decca unter. Vor allem aber verpasst er ihr ein Image. Die Beatles eroberten gerade als adrette Anzugträger die Hitparaden, also mussten die Stones das sein, was die Beatles nicht waren: finster, laut und ungekämmt. Die Pose passte, auch wenn die Verhältnisse eher umgekehrt lagen. Die Beatles entstammten der Working-Class Nordenglands, die Stones waren bei London in geordneten Mittelklassefamilien aufgewachsen. Mick Jaggers Vater war Sportprofessor und der führende britische Experte für US-Basketball, Keith Richards hatte als Chorknabe bei der Krönung Elisabeths II. gesungen. Tom Wolfe sah beide Bands in Amerika: „Die Beatles wollen euch an den Händen halten, die Stones hingegen wollen eure Stadt niederbrennen.“

Schönheit und Schrecken liegen in der Musik der Rolling Stones nah beieinander. Stephen Davis behauptet in seiner episch ausgreifenden Biografie „Die Stones“ (Europa Verlag, Hamburg 2002, 687 S., 28,90 Euro) gar, ihr Blues sei gewissermaßen im Blitzkrieg geboren. Die Zentralmitglieder der Band kamen zwischen 1941 und 43 zur Welt, als Hitlers Bomber und V2-Raketen Teile Londons in Schutt und Asche legten. Später landeten amerikanische B 29-Bomber in England, im Gepäck hatten sie den Swing, den Blues und den Jazz. Diesen Blues – elektrifiziert und nunmehr pop-kompatibel – brachten die Stones zurück in die USA. Als die Band 1964 das „Chess“-Studio in Chicago besuchte – diese Anekdote erzählt Willi Winkler in seinem Langessay „Mick Jagger und die Rolling Stones“ (Rowohlt Verlag, Hamburg 2002, 288 S., 24,80 Euro) – half ihnen ein Schwarzer beim Ausladen der Instrumente. „Er war ganz in Weiß gekleidet, hatte Farbspuren im Gesicht und strich die Decke.“ Muddy Waters musste sich als Hilfsarbeiter durchschlagen, weil er keine Platten mehr verkaufte. Nach seinem „Rolling Stone Blues“ hatte sich die Band benannt.

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