Kultur : Still und furios

Laudatio auf Wiebke Puls Von Ulrich Matthes

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Mit der Verleihung des mit 5000 Euro dotierten AlfredKerr-Preises für die beste Leistung eines jungen Schauspielers endete das Berliner Theatertreffen. Ulrich Matthes, beim Theatertreffen in Jürgen Goschs Inszenierung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Deutschen Theater zu sehen, hat sich als Juror für Wiebke Puls entschieden, die Kriemhild in Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Hebbels „Nibelungen“ (Münchner Kammerspiele). Kriegenburg erhielt den mit 10000 Euro dotierten 3sat-„InnovationsPreis“. Wir drucken die Laudatio auf Wiebke Puls in gekürzter Form.

Während meiner zwei Wochen als Juror beim Theatertreffen habe ich immer wieder gedacht: Gottseidank bin ich kein Theaterkritiker! Nicht weil mir die Aufführungen nicht gefallen hätten, da gab es Erfreuliches und Enttäuschungen wie jedes Jahr, sondern weil ich nicht darüber schreiben muss! Weil ich mich meinen Eindrücken, meinen Assoziationen und Gefühlen überlassen kann, ohne sie anschließend formulieren zu müssen.

Ich habe vor kurzem bei meiner Dankesrede für den Eysoldt-Ring beklagt, dass Kritiker kaum noch die Arbeit von Schauspielern beschreiben können. Es ist tatsächlich schwer, habe ich jetzt gemerkt. Und zwar deshalb, weil ich gerade in den glückhaften Augenblicken einer Vorstellung den kühleren, professionellen Blick vergessen und mich ganz direkt bewegen, anregen, berühren lassen möchte. Und gerade das Fluidum, die Erotik, die Aura eines Schauspielers, einer Schauspielerin entzieht sich eben bis zu einem gewissen Grad der Ratio und der Beschreibbarkeit.

In fünfeinhalb Stunden kann einem viel durch den Kopf gehen: Ich fand Andreas Kriegenburgs „Nibelungen“ einen hochanregenden und – das ist ja keine Schande – unterhaltsamen Theaterabend. Über seine Neigung zu Kalauern kann man streiten. Aber – heute – egal! Es geht hier um eine Schauspielerin, von der ich vor diesem Abend immer wieder gehört, sie aber nie gesehen hatte: Wiebke Puls.

Sie ist 31, erfüllt also gerade noch eins der Kerr-Preisträger-Kriterien, war sechs Jahre am Hamburger Schauspielhaus, dort kennt man sie also. In Berlin noch nicht. Das wird sich, hoffentlich, ändern.

Diese Schauspielerin ist tollkühn. Sie wirft sich mit einer Radikalität des Gefühls in die Kriemhild, dass mir zwischendurch das Wort „Tragödin“ durch den Kopf blitzte. Schönes Wort, warum gibt’s das nicht mehr? Weil niemand mehr Tragödien schreiben kann – und will? In der Realität gibt es sie ja noch, zumindest verkleidet als Bürgerliches Trauerspiel. Außerdem gibt es noch Menschen, die sie spielen können, nämlich Wiebke Puls.

Sie ist in ihrer radikalen Entäußerung uneitel – vielleicht in manchen Rollen sogar bis zur Sprödigkeit, kann ich mir vorstellen, und ganz ohne Manierismen: eine hohe Tugend. Ihr Formbewusstsein führt sie an der langen Leine, das macht den Hebbel leichter, intuitiver, weniger streng. Und: sie hat, und das macht die Sache besonders spannend, Humor. Sie ist in der Lage, aus ihren aberwitzigen Hochemotionen „abzutauchen“ in Witz und Spiel und Laune. Sie hat für ihre geschätzten 1,85 verblüffend elegante, sehr persönlich, manchmal übrigens auch hier humorvolle körperliche Ausdrucksformen gefunden. Sie ist gedanklich äußerst konzentriert und dicht dran an der (schwierigen) Sprache (Hebbels), und trotzdem gelingt es ihr immer wieder, diese gleichsam zu knacken, Hebbel zu entkrampfen.

Sie ist eine Extremistin der wahren Empfindung. Sie kann ganz still sein und buchstäblich: furios. Sie ist auf eine sehr persönliche, mutige Weise das, was Alfred Kerr eine „leuchtende Seelenschauspielerin“ genannt hat.

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