Kultur : Stille des Todes - Gilbert Kaplan dirigiert den finalen Höhepunkt

Ulrich Amling

"Was du geschlagen, zu Gott, zu Gott wird es dich tragen." Chor und Orchester steuern auf den finalen Höhepunkt von Gustav Mahlers Zweiter Sinfonie zu. Der Donner des Jüngsten Tages ist verhallt, die geretteten Stimmen sind entflogen - und Gilbert Kaplan lässt langsam die Arme sinken. Der amerikanische Multimillionär, der seine Geschäfte zugunsten der "Auferstehungssinfonie" 1984 aufgab und das Dirigieren erlernte, steht sichtlich gerührt auf dem Podium des Konzerthauses. Wieder einmal hat es den professionellsten Amateur auf ein großes Podium verschlagen. Obwohl Kaplan sich mit Mahlers Leben derart innig auseinandersetzt, dass ihm auch bei seinen Vorträgen zum Thema schon mal die Tränen kommen, ist der ehemalige Verleger kein extrovertierter Darsteller des Komponisten. Er steht nicht am Pult um Mahler zu sein, sondern um ihm nahe zu kommen.

Mit dem Orchester der Deutschen Oper verwirklicht Kaplan eine in jeder Hinsicht schnörkellose Aufführung der Zweiten Sinfonie: So sauber durchgezählt hat man Takte selten gehört, das Werk so linear erzählt - selbst in seinen katastrophischen Passagen - wohl auch nicht. Wo Stardirigenten Mahler mit artistischer Finesse in seine Einzelteile zerlegen und diese Splitter virtuos parallel entwickeln, um sie endlich der großen Kollision anheim zu geben, schafft Kaplan ein Mahler-Tableau von großer Eindringlichkeit. Er ist kein moderner Teilchenbeschleuniger - er reiht aneinander. Todeskampf, Lebenserinnerung, Hoffnung und Erlösung fügen sich unter seiner Leitung in eine dynamische Stufenlehre, der das Orchester der Deutschen Oper mit Hingabe folgt. Dabei scheut Kaplan die Extreme nicht. Im Kopfsatz führt er einen derart brutalen metallisch-stumpfen Schlag gegen Kopf und Bauch des Zuhörers, dass die folgende Generalpause unweigerlich als Stille des Todes verstanden wird. Im Finale wehen die Fernorchester kaum hörbar durch den Saal. "Ist das alles nur ein großer furchtbarer Spaß?", fragte Mahler einst nach dem Sinn des Daseins. Das Leben ist ernst und feierlich, spricht Kaplans Dirigat. Diese Gradlinigkeit fasziniert - auch weil sie sogleich intellektuellen Widerstand weckt.

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