Kultur : Stille Macht, heilige Macht

HARALD MARTENSTEIN

Evita: der Regisseur Alan Parker, der Komponist Andrew Lloyd Webber und die Schauspielerin Madonna beleben einen politischen Mythos des 20.Jahrhunderts.Wer war Evita Peron wirklich? VON HARALD MARTENSTEIN

Evita Peron stirbt 1952, an Krebs.Sie wird 33 Jahre alt - wie Jesus.Drei Jahre später stürzt das Militär ihren Mann, den Diktator Juan Peron.Er war seit 1943 in Argentinien der starke Mann gewesen, in wechselnden Funktionen.Seine Ära dauert zwölf Jahre, so lange wie die Herrschaft Adolf Hitlers.Warum vergessen die Argentinier diese Zeit nicht? Juan Peron erhöht die Löhne, er kürzt die Arbeitszeit und senkt die Mieten.Zum ersten Mal gibt es in Argentinien bezahlten Urlaub, den arbeitsfreien Sonntag, Kranken- und Rentenversicherung, ein 13.Monatsgehalt, Arbeitsgerichte und das Frauenwahlrecht.Peron setzt die Gleichberechtigung der unehelichen Kinder durch.In seiner Zeit werden tausend Schulen gebaut, zwölf moderne Polikliniken mit kostenloser Behandlung, Frauenhäuser und Heime für ledige Mütter.Übrigens senkt Peron auch per Dekret die Kinopreise, und er verfügt, daß vor jeder Vorstellung ein kurzer, bezahlter Live-Auftritt von argentinischen Künstlern stattfinden muß.In Perons Argentinien wird zensiert und gefoltert. Peron war, durchaus zeitgemäß, von Hitler und von Mussolini beeindruckt, die er 1939 in Berlin und in Rom aus der Distanz beobachtet hatte (im Alter schwärmte er für Mao und Castro).War Peron ein Faschist? Diese Frage ist schwer zu beantworten.Vielleicht ist sie akademisch.Peron war ein Caudillo, ein lateinamerikanischer "Führer" wie viele andere, der sich allerdings in drei Punkten unterschied.Erstens bildete seine Machtbasis nicht das Militär, obwohl er ihm entstammte, und auch nicht die Oligarchie, sondern die Gewerkschaftsbewegung, anfangs auch die katholische Kirche.Zweitens herrschte Peron über eines der reichsten Länder der Erde.Ein paar Jahre lang war der Peso so stark wie der Dollar, dank Adolf Hitler.Nach dem Weltkrieg belieferte Argentinien das verwüstete Europa mit Fleisch und Getreide.Ein gewaltiger Boom.Diesen Reichtum schüttete Peron zu einem nicht geringen Teil über seinem Volk aus, einen anderen, ebenfalls nicht geringen Teil steckte er selbst ein.Als Europa sich erholte, war der Peronismus am Ende.Drittens hatte Peron Evita.Auf deutsch: die kleine Eva. Bei den Pavianen gehören Macht und Sex noch untrennbar zusammen.Der stärkste Affe bekommt die meisten Weibchen.Etwas davon ist auch in unserem Genmaterial festgeschrieben.Wenn beides zusammenkommt - Macht und Sex -, dann erhöht sich für das Publikum nicht nur die Faszinationskraft, dann wuchern nicht nur die Mythen, nein, dann scheint die Macht auch zu einer Legitimation zu finden, die tiefer wurzelt als jede staatsrechtliche Theorie.Auch für demokratische Politiker wie Bill Clinton, Willy Brandt oder Gerhard Schröder ist der erotische Nimbus nützlich, den besonders junge, besonders attraktive oder häufig wechselnde Partnerinnen ihnen verschaffen.Allerdings darf die Frau nicht zu stark wirken, Hillary Clinton mußte es lernen.Sonst kippt es.Sonst sieht das Leittier nicht mehr wie ein Leittier aus, Gleichberechtigung hin oder her.Adolf Hitler, der ebenfalls eine blonde Eva hätte präsentieren können, versteckte sie.Er wolle ein Angebot für alle Frauen sein, sagte er sinngemäß.Auch als Feldherr will er stets alles, und verliert alles.So blieb Hitlers Erotik jungfräulich.Peron aber, der lateinamerikanische Macho, muß Farbe bekennen.Juan und Evita begründen einen Mythos, aber sie ist auf Dauer die Stärkere.Weil sie jung stirbt.Weil sie sich die Hände nicht ganz so schmutzig macht.Weil sie nicht nur die Einheit von Sex und Macht verkörpert, sondern auch die Hure, die zur Heiligen wird, die Magdalena der Bibel.Auf Evita will Peron seine Staatsreligion gründen, ihr will er ein Mausoleum bauen lassen, größer als das von Lenin.Nach ihrem Tod verlangen die argentinischen Gewerkschaften ihre Heiligsprechung.Ihr Vermögen, aus dubiosen Quellen, beträgt bei ihrem Tod etwa 65 Millionen Dollar.Es ist alles ziemlich verlogen.Aber ein bißchen heilig ist sie schon. Mit 15 Jahren fährt Eva Duarte aus ihrem Pampadorf nach Buenos Aires, um Schauspielerin zu werden.Sie schläft mit jedem Mann, der ihr nützlich sein könnte, und nimmt auch Geld dafür.Als Schauspielerin ist sie bestenfalls mittelmäßig, und bringt es nur zu einer einzigen Hauptrolle, ausgerechnet in einem Film mit dem Titel "Die Verschwenderin".Aber ihre Ausstrahlung, eine Mischung aus Unschuld und Vulgarität, wird schon damals als ungewöhnlich empfunden.Peron, baskischer Abstammung wie sie, braucht eine Geliebte.Der heraufdämmernde Diktator, fast fünfzigjährig, der in seiner Freizeit boxt oder trinkt, hat eigenartige, nicht präsentable erotische Neigungen, von Fußfetischismus wird geraunt, der Hang zu Lolitas ist offensichtlich.Er lebt mit einem Kind zusammen, und leidet unter einer häßlichen Hautkrankheit.Als er Präsident ist, pflegt er das Treppengeländer seines Palastes hinunterzurutschen, was manche Besucher überraschend finden.Evita ist sein Billet zur Macht, weil sie seinen Machismo scheinbar bestätigt.Als das Militär sich gegen ihn erhebt - was es noch oft tun wird -, organisiert sie zur allgemeinen Überraschung den Widerstand der Gewerkschaften, deren Gründungsmitglied sie ist.Vier Tage später heiratet er sie.Diese Ehe besteht bald nur noch auf dem Papier, aber das politische Bündnis der beiden hat Bestand. Sie wird sein Goebbels und seine Schutzpatronin, Kontrolleurin der Medien, zu denen im Argentinien der Perons auch schon das Fernsehen gehört, begnadete Rednerin, bedingungslos loyal.Ihre Affäre mit dem Reeder Onassis verläuft so diskret, daß sie bis heute umstritten ist.Evita erfindet sich neu, sie färbt ihr Haar blond (wie später die Schauspielerin Madonna), sie bindet es zum Knoten, sie verzichtet auf Make up, wird bleich, fast durchscheinend, nur die Lippen leuchten rot.Evita inszeniert sich als Popstar, zu einer Zeit, in der dies in der Politik noch unüblich ist.Sie gründet eine Stiftung.Diese Stiftung verteilt Gaben an die Armen, bis zu 10 000 Pakete am Tag, die Evita allesamt persönlich überreicht.Sie küßt Lepra- und Krätzekranke.Das Geld stammt von den Gewerkschaften, ein Teil jeder Lohnerhöhung fließt Evita zu. Das Volk spürt die Lüge - nicht sofort, aber irgendwann.Evita lügt nicht.Sie liebt das Volk und die Mode, nie interessiert sie etwas anderes als dies: gut auszusehen und Gutes zu tun.Ihre Garderobe ist überwältigend, wie ihr Schmuck."Die Armen mögen es, wenn ich hübsch bin", sagt sie, ohne jeden Zynismus.Bei ihrer Europareise, 1947, besucht sie Franco, den spanischen Diktator, den Faschisten, und sie bittet ihn ungefragt um ein Gastgeschenk.Franco möge einer zum Tode verurteilten Kommunistin das Leben schenken.Das Geschenk wird gewährt.Bis dahin hat Argentinien nach neutralen Schätzungen 90 000 deutschen Nazis Asyl gewährt.Am 10.Juli 1945, zwei Monate nach der Kapitulation, landet das deutsche U-Boot U 503 am Rio de la Plata.An Bord sind Ernst Kaltenbrunner, Chef des deutschen Sicherheitsdienstes, und etliche Kisten voll mit Gold und Geheimdokumenten.Wahrscheinlich haben die Perons einen Anteil bekommen. Das ganze große Land liege in "erotisch-politischer Fieberhitze", heißt es damals im "Spiegel".Evita-Bilder sind Madonnenbilder.Der Papst selbst hat ihr das Große Kreuz des Heiligen Gregorius verliehen, und der Nationalfeiertag heißt wie selbstverständlich "San Peron", heiliger Peron.Zu jeder vollen Stunde findet im Radio fünf Minuten lang eine Art Messe für die Perons statt.Wohin steuert das Regime? Sie spricht vom "Antiimperialismus", vom "Jahrhundert des Feminismus" und gründet eine feministische Partei, er träumt von der Atombombe und will ganz Südamerika unter seiner Führung zusammenschmieden, als dritte Weltmacht.Das Bündnis wäre wohl früher oder später zerbrochen, denn Evita war auch Perons Gregor Strasser und Perons SA, das linke, populistische Element. Nach ihrem Tod, den das Regime auf exakt die gleiche Uhrzeit datiert wie ihre Hochzeit, gerät der Peronismus aus der Balance.Evita wird mumifiziert und in einen gläsernen Sarg gelegt, dabei schrumpft sie und sieht wie eine Zwölfjährige aus, wie eine von Juans Lolitas.Er forciert den Evita-Kult, und verfügt die Trennung von Staat und Kirche.Der Papst exkommunziert Juan Peron.Nach dem Sturz wagen es die Militärs nicht, Evitas Leiche zu beseitigen.Sie verstecken sie zunächst hinter einer Kinoleinwand und lassen sie unter falschem Namen in Mailand unter die Erde bringen.Drei Wachskopien Evitas werden, um die Peronisten zu täuschen, auf Weltreise geschickt.Eine der falschen Evitas landet in der Hamburger Herbertstraße, in einem Bordell, wo sie von einem argentinischen Militärattache mit vorgehaltener Pistole befreit wird.Peron findet das Original und gräbt es aus, nach 16 Jahren.Er bahrt die leicht ramponierte Mumie in seinem Esszimmer auf, im Madrider Exil, aus dem er 1973 noch einmal für ein paar glücklose Monate an die Macht zurückkehrt.Eine Spiritistin versuchte vorher ohne viel Erfolg, die Seele Evitas auf Isabel zu übertragen, die neue Ehefrau. Das Barocke, Maßlose und Leidenschaftliche ist der faszinierendste Teil des Faschismus, seine Utopie: daß der Wille über die Fakten triumphieren könnte, wie in der Sage oder der Religion.Das Individuum, das in der Masse verschwindet, das sich glücklich auflöst in einem Meer aus Seinesgleichen, ist auch eine grandiose erotische Phantasie.Der Wille braucht aber die Gewalt, um sich durchzusetzen.Evita verschafft dieser Idee ein reines Strahlen, die heilige Aura.Dieser Glanz ist falsch, und doch stark genug, um bis heute zu leuchten.Auch die Ikonen des Pop tragen einen totalitären Anspruch vor sich her, sie bieten Lebensmodelle und Identitäten an.Evita hat die Sphäre gewechselt, sie befindet sich auf halber Strecke zwischen Marilyn Monroe und Mutter Teresa, im Himmel des Pop.Das ewige Leben? Sie hat es erreicht.

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