Kultur : Stille Nacht

JAN GYMPEL

Alle Jahre wieder: "Stille Nacht" heißt es auch heute abend wieder in den meisten Berliner Kinos, und damit ist nicht die Vorführung des gleichnamigen Films gemeint, sondern schlichtweg, daß der Projektor kalt bleibt.Während am Nachmittag noch vielerorts inbesondere Kindgerechtes gespielt wird, ist das heiligabendliche Angebot auch in einer Stadt voller Nicht-Christen spärlich.

Ein besonderes Geschenk macht den Kinofans auch in diesem Jahr das Filmtheater am Friedrichshain mit seiner "Heiligen Preview-Nacht": Ab 18 Uhr werden Filme gezeigt, die im nächsten Jahr anlaufen werden, im Preis inbegriffen ist ein Weihnachtsbuffet.Und wie es sich für das Fest gehört, handelt es sich bei dem genauen Programm um eine Überraschung, die erst heute abend gelüftet wird.Offenherziger ist da das Filmkunst 66 mit seinem "Paket": Derweil im großen Saal James Camerons "Titanic"-Schinken gezeigt wird, samt dem 1912 entstandenen Fundstück "In Nacht und Eis" als Vorfilm, laufen im kleinen Haus passend maritime Slapstick- und Zeichentrickfilme von Disney, Keaton, Chaplin und Laurel & Hardy.Saisongerechteres liefert das Babylon-Mitte erst am Montag mit "Cartoons und Slapstick zur Weihnachtszeit".Derweil der süüüße Leonardo di Caprio von morgen an auch im Acud anzuhimmeln ist: In "Gilbert Grape" gibt er den geistig behinderten Bruder von Hauptakteur Johnny Depp.

Düsteres und Komisches auch von heute an bis Mittwoch in der Brotfabrik: Hans W.Geißendörfers hochgelobte Thomas-Mann- Adaption "Der Zauberberg", Jörg Buttgereits schwarzer Reigen um das Töten und Getötetwerden "Der Todesking" sowie der Komödienklassiker "Die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann.Ganz hart dagegen das Angebot im Nickelodeon, wo die IngmarBergman-Retro fortgesetzt wird: "Das Schweigen" dürfte für das richtige Maß an Filmkunstgenuß, Verzweiflung und unbefriedigendem Sex zur Bescherungszeit um 18 Uhr sorgen."Das siebente Siegel" um das Schachspiel eines Kreuzritters mit dem Tod läßt über die Existenz Gottes grübeln, wenn um 20 Uhr die halbe Welt die Geburt des Messias feiert.Und nur "Die Jungfrauenquelle" bringt um 22 Uhr ein von göttlicher Gnade kündendes Wunder - freilich erst nach Vergewaltigung und Mord.

Wer hingegen aus politischen Gründen noch immer mit Weihnachten hadert und Angst hat, Feiern könnte spießig sein, für den hält das Arsenal am Sonnabend und Sonntag ein Kontrastprogramm bereit: "Solidarity Song", ein Portrait des vor hundert Jahren geborenen Hanns Eisler.Doch Vorsicht: Die Dokumentation über den Komponisten, in der viele Weggefährten zu Wort kommen, hinterläßt den Eindruck, daß sich das revolutionäre Engagement für Eisler ganz und gar nicht auszahlte.

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