Kultur : Stille um die alten Meister

BERNHARD SCHULZ

Die neue Gemäldegalerie der Staatlichen Museen ist äußerlich nahezu fertiggestellt.Wie sieht es im Inneren aus? VON BERNHARD SCHULZ

Die beiden Museumsneubauten, die im vergangenen Jahr im Verbund der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eröffnet werden konnten, haben die Museumslandschaft Berlins glanzvoll bereichert.Wenn aber erst einmal die neue Gemäldegalerie fertig ist, lockte Museums-Generaldirektor Dube kürzlich beim Hauptstadt-Kulturforum, werde die ganze Welt hinschauen.Eröffnet wird im Laufe des Jahres 1998. Bislang ist noch nicht viel von der Sensation zu sehen.Still ruht der Bau am Kulturforum in Tiergarten.Die Gebäudehülle ist fertiggestellt; hinter der hermetischen Fassade nicht zu erkennen ist der Innenausbau, der zügig voranschreitet.Zunächst muß das Gebäude sein präzise ausbalanciertes Klima erhalten, und vor allen Dingen müssen die Gemälde aus Dahlem und aus dem Bode-Museum hierhergebracht und gehängt werden.Für diese Arbeiten haben sich die Museumsleute ein volles Jahr ausbedungen. Die Gemäldegalerie blickt auf eine lange Planungsgeschichte zurück.Nach der Beendigung der Zusammenarbeit mit dem zunächst beauftragten Architekten konnte zwar ein neuer Wettbewerb für die Gemäldegalerie ausgelobt werden, doch blieben die baulichen "Rahmenbedingungen" bestehen.Das 1986 preisgekrönte Büro Hilmer + Sattler mußte sich mit dem bereits im Entstehen befindlichen Bauteil Kupferstichkabinett/Kunstbibliothek, vor allem aber der "zentralen Eingangshalle" an der schrägen Rampe zum Matthäikirchplatz hin abfinden.Die Einbeziehung der Villa Parey in der Sigismundstraße hingegen war auf Druck der Öffentlichkeit zugestanden worden, weil es sich dabei neben dem Palais Gontard, dem Sitz der Generaldirektion der Museen, um das letzte Zeugnis großbürgerlicher Wohnkultur am Tiergartenrand handelt. Im Verbund der Museen am Kulturforum und in Nachbarschaft zu den weiteren dortigen Kulturbauten, so die Ausgangsprämisse, konnte die Gemäldegalerie nicht als Solitär gedacht werden.Sie steht vielmehr in räumlicher und, beinahe wichtiger noch, gedanklicher Wechselbeziehung zu den anderen Gebäuden.Zumindest drei von ihnen sind Monumente der Baugeschichte: die Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes sowie die Philharmonie und die Staatsbibliothek aus der Feder von Hans Scharoun.Alle drei sind insbesondere durch die Qualität ihrer Innenräume ausgezeichnet.Dazu muß sich die Gemäldegalerie als Behausung einer der herausragenden Gemäldesammlungen der Welt verhalten.Sie muß sich zudem funktional in den Zusammenhang der Museen europäischer nachantiker Kunst, die dereinst vollständig am Kulturforum beheimatet sein soll, einfügen.Und sie muß über die Geschichte hinweg den Dialog mit ihren berühmten Vorgängerbauten aufnehmen. Aus diesem dritten Aspekt leitet sich der Grundgedanke des Entwurfes her.Die Gemäldegalerie ist als ein reines Oberlichtmuseum entworfen.Daher sind alle, insgesamt 52 Säle und Kabinette auf gleichem Niveau angeordnet.Die aufwendigen Oberlichtdecken und die strikten Vorgaben hinsichtlich Beleuchtung, Klimatisierung und Sicherheit treiben die Baukosten auf 290 Millionen DM.Von 30.000 Qudratmetern.Bruttogeschoßfläche sind 7000 Quadratmeter für Ausstellungszwecke vorgesehen. Diese Ausstellungsfläche ist U-förmig um eine zentrale Halle angeordnet, wobei die Grundfläche sich vom Eingang nach Westen hin leicht verjüngt.Diese Verjüngung wird durch die zentrale, 80 Meter lange Halle aufgefangen, die als dreischiffige, in 11 Joche geteilte und mit Ausnahme eines einzelnen Deckenfeldes durch runde Oberlichtöffnungen beleuchtete Halle ausgebildet ist.Die Flachkuppeln werden von Vierkantpfeilern getragen.Die Halle verblüfft.Sie dient keineswegs, wie man vermuten könnte, der Präsentation großformatiger Gemälde.Vielmehr bildet die Halle eine Ruhezone, von der aus der Besucher an verschiedenen Stellen in den Ausstellungsbereich wechseln kann, sei es, um den Gesamtbestand der auf rund 1320 Gemälde angelegten Galerie zu besichtigen, sei es, um einzelne "Schulen", in die der Bestand nach klassischer Manier eingeteilt ist, zu studieren. In der Halle wird der Besucher mit dem "Thema Licht" vertraut gemacht; genauer: dem Tageslicht, das seinen Besuch und seine Wahrnehmung der Gemälde bestimmen wird.Als allererste Einstimmung haben Hilmer + Sattler eine Rotunde vorgeschaltet, bekrönt von einer Laterne aus drei gegeneinander versetzten, stählernen Achtecken, die ihr Licht durch Glasbausteine empfangen.Die Säle und Kabinette arbeiten mit Tageslicht.Der Besucher wird sich an die wechselnden Helligkeiten, ja das Erlebnis des Wolkenspiels an bewegten Tagen gewöhnen müssen und berücksichtigen, daß Gemälde aus der Zeit vor 1800 ausschließlich für Tages- oder allenfalls Kerzen- und Fackellicht geschaffen wurden.Nun fällt allerdings kein Sonnenstrahl durch die Lichtdecken; das Licht wird gemischt, so daß sich gleichmäßige Helligkeit in den durchschnittlich 100 Quadratmeter großen, neun Meter hohen Sälen und den entsprechend kleineren, sechs Meter hohen Kabinetten verteilt.So wie die Beleuchtungskörper für den Besucher unsichtbar bleiben, ist die ganze Technik den Blicken entzogen.In den Sockeln, die wie die Türrahmen und -füllungen aus grau gestrichenen Betonfertigteilen bestehen, lassen allein die schmalen Lüftungsschlitze erahnen, welche Maschinerie jenseits der Ruhe der Schausäle arbeitet. Nicht nur das Klima ist in den Räumen konstant; der ganze Eindruck ist es.Dunkle, geräucherte Eiche fand für den Boden Verwendung, um jede Lichtreflexion zu vermeiden.Die Wände sind mit farbigem Samt bespannt, bordeauxrot, tannengrün, dazu Hellgrau und Stahlblau.Zwei Kilometer "laufende" Hängefläche galt es zu bewältigen.Nur in einem Ausnahmefall wird die rechteckige Form der Säle durchbrochen: beim Rembrandt-Saal, der oktogonal in der Mittelachse der Pfeilerhalle liegt.Dahinter schließt ein Querraum an, der die Rembrandt-Schule aufnimmt: so gelingt es, dem "Mann mit dem Goldhelm" als einem sammlungs- und geschmacksgeschichtlich so bedeutenden "Quasi-Rembrandt" einen herausragenden, gleichwohl der nunmehr "minderen" Zuschreibung entsprechenden Platz zuzuweisen. Leo von Klenzes Alte Pinakothek ist das heimliche, John Soanes Londoner Dulwich Picture Gallery das ausgesprochene Vorbild, was die Schauräume betrifft.Nach außen kann sich die in der Länge immerhin 140 Meter messende Gemäldegalerie nicht vergleichbar souverän zeigen.Ihre Lage an zwei kleineren Stadtstraßen, gegenüber von Wohnbauten und einer Freifläche, angrenzend sodann zum einen an die Gutbrod-Bauten und zum anderen an die Bauten der Museumsdirektion und der Generalverwaltung, die gleichfalls Hilmer + Sattler zu beiden Seiten des erhaltenen Palais Gontard hinzugefügt haben, diese Lage also ließ keine extrovertierte Erscheinung zu. Im Gegenteil; der Bau schottet sich nach außen durch eine übermannshohe Rustikazone ab, die den Höhenunterschied zum Niveau der Sammlungsebene deutlich macht, und auch die hochrechteckigen Fenster in der Fassade aus gelben, nahezu fugendichten Terrakottaplatten geben nicht etwa Einblicke in das Eigentliche des Hauses, sondern belichten allenfalls die zahlreichen Fluchttreppenhäuser oder dienen als Ausblicke für die Museumsbesucher an einzelnen, ausgewählten Stellen, wo der Kontakt zum Außenraum erwünscht ist, wie an den Gebäudeecken.Das Haus ist ein "Schatzkästlein" für Tausende unschätzbarer Gemälde, deren größerer Teil in der Studiensammlung im Erdgeschoß - für den Besucher scheinbar: Untergeschoß - als einem "begehbaren Magazin" vorrätig gehalten wird. Ein Problem bildet die Einbeziehung der Villa Parey.Die Architekten haben sie bewußt als Fremdkörper und Geschichtszeugnis behandelt.Leider konnte sie auch im Inneren nicht recht integriert werden; die Museumsleute haben dort einen Raum für die heute wohl unabdingbaren Computer vorgesehen; womöglich aus Angst, mangelnder Aufgeschlossenheit gegenüber der technischen Entwicklung geziehen zu werden.Dabei hätte sich die Villa dafür angeboten, die einstige, großbürgerliche Selbstverständlichkeit im Sammeln und Zeigen von alter Kunst exemplarisch und "vor Ort" vorzuführen.So bleibt in jedem Fall deutlich, daß zwischen Villa und Museum ein historischer Bruch verläuft - ablesen kann es, wer solchen Hinweises bedarf, an den Einschußgarben der letzten Kriegstage in der schönen Sandsteinfassade. Die (Kunst-)Welt wird mit Sicherheit hinschauen, was die Berliner Gemäldegalerie zu zeigen hat.Der Bau selbst ist ein dienender; er ordnet sich den von ihm geborgenen Schätzen unter.Oft ist in jüngerer Zeit die Aufdringlichkeit von Museumsarchitektur gerügt worden.Die neue Gemäldegalerie hält dagegen.Preußisch zurückhaltend, steht sie in einer großen Tradition.

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