Kultur : Stiller Blues, schwere See

Roman Rhode

Die Berliner Band hat einen Plattenvertrag beim New Yorker Label "Knitting Factory"Roman Rhode

"Wie mich dieses Deutschland langweilt!", schrieb Brecht 1920 ins Tagebuch: "Es ist ein gutes, mittleres Land, schön darin die blassen Farben und die Flächen, aber welche Einwohner! Ein verkommener Bauernstand, dessen Roheit aber keine fabelhaften Unwesen gebiert, sondern eine stille Vertierung, ein verfetteter Mittelstand und eine matte Intellektuelle! Bleibt: Amerika!" Der Berliner Band Frigg brachte dieser Ausweg immerhin Erfolg. Im letzten Herbst setzten die fünf Musiker die Segel, gingen in New York an Land und nahmen dort mit einigen Gästen ihr neues Album auf. Nicht irgendwo entlang des Broadway, sondern in der renommierten Knitting Factory. Elliott Sharp, Produzent der Platte und Vordenker des No Wave, war von dem Projekt schließlich so überzeugt, dass er sich in der Kultstätte der Downtown-Avantgarde für einen Vertrag mit dem hauseigenen Label einsetzte. Damit steht bei Knitting Factory Records zum ersten Mal eine deutsche Band unter Vertrag. Tusch!

Ein Glücksfall für Frigg, denn deutsche Plattenfirmen hatten zuvor mehrfach dankend abgelehnt. Und das, obwohl das Quintett Lieder von Brecht vertont hatte, noch dazu im Jubeljahr 1998. Allerdings ging es Frigg nicht um eine Reprise oft gehörter Klassiker. Vielmehr konzentrierte sich der Bandleader, Komponist und Gitarrist Bert Wrede auf frühe, eher unbekannte Texte des Dichters: die so genannten Sauf-, Huren- und Matrosenlieder. Brecht hatte sie in den Zwanzigern geschrieben, auf dem Kanapee, unterm Lampion, Gitarre zupfend oder im Dunst von Opiumhöhlen. Wrede, der wie zwei weitere Bandmitglieder an der Hanns-Eisler-Musikhochschule studiert hat, stieß dabei auf einen "frischen Brecht ohne Zeigefinger", einen anarchischen, zerrissenen Twen der Roaring Twenties. Die musikalische Interpretation der Texte sollte jedoch zeitgemäß sein - "nur in Anlehnung an die harmonischen Wendungen und die Instrumentation Kurt Weills." Daraus ist ein widerspenstiger Sound entstanden, der sich bestens mit den Worten Brechts beschreiben lässt: "Als das Schiff brüchig war / Ging ich in die Wasser. Des Wassers Gewalt / Warf mich auf einen kahlen Steinbrocken." Da flirren die Holzbläser im mächtigen Fahrtwind, knarren und quietschen die Saiten wie eingerostete Winschen, poltern Bass und Drums wie losgerissene Fracht. Der Gesang dazu: schroffe Klippen. Oder eine düstere Wolkenwand, in der sich ein röchelndes Gewitter entlädt. Der Vokalkünstler Phil Minton, der hierzulande bereits durch seine Zusammenarbeit mit Ulrike Haage, und den Resten der der Einstürzenden Neubauten bekannt ist, presst Brecht in eine Stimmung aus schwerer See und Endzeit.

Wrede ließ dafür erstmals einige Texte des Dichters ins Englische übersetzen. Neben dem stimmgewaltigen Briten hat Wrede auch die Israelin Meira Asher als Sängerin gewinnen können. Die deutschen Zeilen hat sie, deren Großmutter nur Jiddisch sprach, auswendig lernen müssen. Nicht so die schnoddrige Dramatik, die sie ihnen unterlegt. Beide Vokalisten gewährleisten Wrede einen "unverkrampften Umgang" mit Brechts Material: Sie bürsten ihn kräftig gegen den Strich und verleihen ihm dadurch neue Universalität.

Als Frigg in dieser Besetzung letztes Jahr auf dem Berliner JazzFest zu sehen waren, haftete ihnen die begeisterte Presse allerhand Etikette an. Von Noise Rock und Free Jazz war die Rede. Doch obwohl sich sämtliche Musiker aus dem Jazz-Bereich rekrutieren, meint Wrede apodiktisch: "Jazz spielen wir nicht." Vielleicht liegt das an der strengen Komposition multipler Geräusche, die wie ein schräger Chor durch das Geschehen führt und nur wenige Lücken zur Improvisation bietet. Trotzdem bekennt Bassist Horst Nonnenmacher: "Wir alle improvisieren gerne. Und sind nicht gerade die zartesten Vertreter dieser Zunft." In Deutschland hat es solche Avantgarde jedenfalls nicht leicht. Selbst in Berliner Jazzclubs, klagen Frigg, seien die Bühnen zu klein, das Publikum festgefahren: "Die Szene schmort in ihrer eigenen Suppe". Also hinaus aufs offene Meer, Richtung Amerika! Um sich, wie Schlagzeuger Boris Bell sagt, "frischen Wind um die Nase wehen zu lassen."

In New York und Chicago werden Frigg mittlerweile als "Deutschlands coolste Intellektuellen-Rocker" angepriesen und mit John Zorns Naked City verglichen. Diese Erhebung in den Adelsstand der Klang-Collagisten schmeichelt den Berlinern natürlich, auch wenn sie wissen, dass solche Vergleiche übertrieben sind. Einziger Nachteil in Amerika: Während der Konzerte gibt es keinen Alkohol, auch nicht auf der Bühne. Einer kreativen Band, die "dem richtigen Genuss von Spirituosen" nicht ganz abgeneigt ist, könnte das womöglich zu Schaffen machen. "Wenn ich trinke", schrieb Brecht, "geht die Welt grinsend unter."Frigg stellen ihr Album "FriggBrecht" am Montag, 13. 12., im Privatclub vor, Pücklerstr. 34 (Kreuzberg), 21 Uhr 30.

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