Kultur : Stiller Mord

Robert Wilson und Anja Silja an der Staatsoper

Christiane Tewinkel

Kurz vor Beginn der Vorstellung fährt die Geräuschmaschine hoch, immer lauter wird das Schnarren und Klappern der unsichtbaren Flügel, bis es auf einmal abbricht. Stille. Das Licht im Saal der Staatsoper erlischt. Und auf der Bühne regt sich langsam das Doppel-Tableau, so, als ob es vom Verstreichen der Zeit nichts wüsste oder aber besonders viel darüber zu sagen vermöchte: Robert Wilson und Anja Silja, bislang mit dem Rücken zum Publikum stehend – neben ihnen jeweils ein Tischchen auf hohen Beinen, hinter ihnen je ein Jüngelchen auf einem Hocker, in einen Comic vertieft, vorn auf dem Boden schlafend je ein kleines Mädchen –, Silja und Wilson also wenden sich nun nach rechts, um ein Glas Milch zu bereiten.

Sie drehen den schwarzbewandeten Körper. Sie heben den Arm. Sie strecken die behandschuhte Hand aus. Sie nehmen eine Milchflasche hoch, sie gießen Milch in das bereitstehende Glas, sie wenden sich langsam, tun Schritte hin zum lesenden Knaben. Ihn anstupsen, ihm das Glas geben, ihn trinken lassen. Stille. Das Licht wirft Schatten, die doppelte Szene an der Rückwand doppelnd. Die Zeit verstreicht. Silja ist Wilson stets ein wenig voraus, auch, als beide nun das Messer zur Hand nehmen, blitzen lassen im Scheinwerferlicht, und abermals auf die Knaben zutreten, um sie zu erstechen. In Zeitlupe lassen diese sich von ihren Hockern fallen. Dieselbe Milch, dasselbe Messer bei den Mädchen; langsam ziehen sie sich aus der Waagerechten hoch, ihre langen Haare glänzen. Aufmerksam blicken sie ihren Mördern entgegen.

Der „Prologue Deafman Glance“ ist eine Auslagerung aus einem Stück von Wilson, das im Frühjahr 1971, als es erstmals in Nancy gezeigt wurde, sieben Stunden lang währte und den jungen Theaterkünstler schlagartig berühmt machte. „Wilson“, schrieb Louis Aragon seinerzeit, „das ist die Ehe der Geste mit der Stille, der Bewegung mit dem Unhörbaren.“ Wilson hatte den Blick eines mit ihm befreundeten taubstummen Jungen zu veranschaulichen gesucht, den „Deafman Glance“, der die Bewegungen der Welt aufmerksamer wahrnimmt als der des Hörenden.

Tatsächlich staucht sich das Zeiterleben auch hier, in der Staatsoper, beim pervertiert-ästhetisierten Blick auf den Kindsmord, den Wilson in aller Stille vorführt. Man kann gar nicht anders als hinsehen. Mehr als eine halbe Stunde dauert die Schwarz-Weiß-Szene, und doch geht sie um, als löse sich unter dem Auffächern der Bewegungen auch die Logik der Zeit auf: Ein Schauspiel für Langsamseher, ein Puppentheater aus Menschenleibern, in dem Wilson wächsern bleibt, in Siljas Gesicht dagegen der fließende Wechsel der Gefühle zu sehen ist, der Ekel, das „Jetzt ist es gut!“, das Herrische oder Befremdete, die Trauer.

Die zweite Hälfte des Abends, mit Wilsons Inszenierung von Schönbergs Monodram „Erwartung“ ebenfalls als lyrische Momentaufnahme konzipiert, gelingt weniger glücklich. Arnold Schönberg hatte sein Stück auf einen Text der jungen Medizinstudentin Marie Pappenheim geschrieben, die ihre Sprecherin auf der Suche nach ihrem Geliebten durch den nächtlichen Wald irren lässt. Ein Vorzeigestück des musikalischen Expressionismus ist daraus geworden, jener Phase Schönbergs entstammend, in der er mit freier Atonalität experimentiert und bevorzugt an Vertonungen arbeitet.

Anja Silja, groß, überwältigend präsent auch in diesem Teil des Abends, gibt die „Frau“ der „Erwartung“ alterslos, ganz in das „Maybe he fell ill and couldn’t leave the studio“-Psychogramm hineinlebend, das aus der Protagonistin spricht. Kostümbildnerin Moidele Bickel hat Silja in ein quasi-antikes Gewand gekleidet, Wilson, der auch hier für Regie, Bühne und Licht verantwortlich zeichnet, lässt sie immer wieder in eckigen Posen verharren. Und wenn die Rückwand auf einmal weißgrünlich angeleuchtet ist und Silja in ein verzweifeltes „Das ist er!“ ausbricht, die Hände in furchtbarer Abwehr ausgestreckt, wenn dann die Staatskapelle unter Daniel Barenboim in einer schrillen Schrecksekunde arretiert – dann geht auch Wilsons Konzept einer Beleuchtung des Textes im Wortsinne auf. Vornehmlich mit wechselnd farbigen Bühnenrückwänden arbeitet er, hie und da eine weiße Landzunge zufügend, Nebeldüsen oder einen gleißend strahlenden Zacken, der auf einmal aus dem Boden bricht.

Doch schneidet die Penetranz seiner Bilder, wie grafisch-abstrakt diese auch sein mögen, die Feinnervigkeit des Bühnenstücks allzu oft zurück. Immer wieder blitzt aus dieser „Erwartung“ die überladene Ästhetik der Achtzigerjahre, lenken Grün oder Kobaltblau vom dramatisch-musikalischen Text ab, drängen die starken Lichtkommentare sogar die Staatskapelle unter Daniel Barenboim zur Seite. So sehr das Monodram schon vom Autorenteam auf die Bühne hin gedacht wurde: Mit einer so wahrhaft auftretenden Sängerin, einem so zuverlässig musizierenden Orchester wäre eine konzertante Darbietung die bessere gewesen.

Noch einmal am 10. September. Gespräch mit Anja Silja heute um 18 Uhr.

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