Kultur : Stillgestanden!

HARALD MARTENSTEIN

Es liegt Patina über unserer Gegend.Die Kreuzung Suarezstraße / Kantstraße in Charlottenburg zum Beispiel: ein, wie man früher sagte, bürgerliches Viertel im Westen von Berlin.Als wir dorthin zogen, kurz nach dem Fall der Mauer, befanden sich an den vier Ecken der Kreuzung eine Drogerie, eine Buchhandlung, eine Boutique und eine Videothek.Boutique und Buchhandlung haben inzwischen dichtgemacht, beide Läden stehen leer.Auch die Drogerie gibt es nicht mehr, dort werden jetzt Motorroller verkauft.Die Videothek hat sich gehalten.

Bei vielen Häusern bröckelt der Putz.Die Geschäfte, die noch nicht zugemacht haben, sehen oft nach siebziger Jahren aus: "Offenbacher Lederwaren", daß es diese Ladenkette noch gibt! In manchen Boutiquen, Uhrläden, Bestattungsunternehmen haben sie, seit wir hier wohnen, kein einziges Mal die Schaufensterdekoration geändert.Stillstand.Warten aufs Ende.Das Berlin-Klischee - immer in Bewegung! - findet in unserer Gegend nicht statt.Morbide Grundstimmung, wie in Wien.Aber Wien verfällt prächtiger.

Es hat sich ausgeleuchtet im Westen.Daß der Osten verschwinden würde - sein Straßenbild, seine Gewohnheiten - verstand sich 1990 von selbst.Das wundert niemanden.Aber unbewußt hatten viele West-Berliner erwartet, daß ihr gewohntes Biotop sich nun auf die Gesamtstadt ausdehnen würde.Aber der Sieger des Krieges, auch eines Kalten Krieges, ist nicht immer der Sieger des anschließenden Friedens.Mitte der neunziger Jahre machte in West-Berlin das Wort "Ver-ostung" Karriere."Der Westen verostet!" Inzwischen sagt das niemand mehr.Dazu sieht der Osten, jedenfalls in weiten Teilen, viel zu schick aus.Verostung? Wäre doch klasse, wenn wir verosten!

Neulich war ich abends am Stuttgarter Platz, wo es Kneipen gibt, begleitet von einem Freund, der in Prenzlauer Berg wohnt.Er mag diese Gegend.Sie ist so ruhig, sagt er.Entspannt.Kaum Baustellen.Die Fahrt von Prenzlauer Berg nach Charlottenburg ist für ihn sozusagen eine Landpartie.Die Leute in den Kneipen sind fünfzehn Jahre älter als im Osten.Zwanzigjährige ziehen hier nicht hin.

Die Charlottenburger sind nicht arm, verglichen mit den Bewohnern anderer Bezirke.Aber eine geheimnisvolle Macht läßt die alten Geschäfte und die alten Theater und die Kinos verschwinden.Die gleiche geheimnisvolle Macht sorgt dafür, daß die Straßen und Bürgersteige nicht mehr so schnell und reibungslos repariert werden wie früher.Wenn die Charlottenburger in den Ostteil der Stadt fahren, dann sind sie plötzlich wie Leute vom Land, die staunend auf neuen Straßen vor neuen Geschäften stehen, sich über den heftigen Verkehr wundern, über die vielen Baustellen den Kopf schütteln und die Dynamik der Großstadt mit andächtigem Staunen zur Kenntnis nehmen.Dort, wo es lange keinen Kapitalismus gab, ist der Kapitalismus jetzt besonders frisch und unternehmungslustig.

Auf der kulturellen Verlustliste des Westens stehen die Filmfestspiele, das Schiller-Theater, die Freie Volksbühne, die Kudamm-Kinos Gloria, Kuli, Lupe und Lupe 2, demnächst das Olympia, dazu unzählige Galerien.Und wer macht im Westen schon noch irgendwas Neues auf? Bloß ein Trottel.Das Nachtleben findet im Osten statt, und das Berliner Rathaus steht im Osten, wie die Max-Schmeling-Halle und die neue Radsporthalle.Die Deutschlandhalle, in Charlottenburg, steht seit längerer Zeit leer.

Bald sind Wahlen.Die Partei, die im Westen Berlins bedeutend größeren Erfolg hat als im Osten, heißt CDU.Als westliche Lebensgefühls-Partei ist sie in Berlin das Gegenstück zur östlichen Lebensgefühls-Partei PDS.Die Versuchung für die CDU ist folglich groß, sich zum Sprachrohr der vagen Frustrations- und Deklassierungsgefühle ihrer vorwiegend westlichen Anhänger zu machen.Im Wahlkampf wird sie noch einmal die alte Freiheit-statt-Sozialismus-Platte auflegen.Ihr Wahlkampf wird sich voll und ganz auf die Furcht vor der PDS beziehen, ihrem Antipoden.Umgekehrt wird die PDS ihre alte "Die Wessis machen uns platt"-Nummer aufführen.Beide, CDU und PDS, werden damit die Tatsachen auf den Kopf stellen.Der Bezirk mit der höchsten Arbeitslosigkeit heißt Kreuzberg und liegt im Westen.Und daß es sogar in Zehlendorf oder Steglitz vielen Leuten heute nicht mehr ganz so gut geht wie 1989, hängt nicht etwa mit dem Vormarsch des Sozialismus zusammen, sondern mit dem Sieg des Kapitalismus.Der Kapitalismus ist, anders als die meisten West-Berliner dachten, kein geborener Westler.Er hat ganz viele Pässe, er mag das Junge und das Neue.Im Moment ist der Kapitalismus ein Ostler und bewohnt ein Penthouse in der Nähe der Hackeschen Höfe.

Manchmal, so lehrten im alten Osten die Marxisten, gibt es zeitliche Verschiebungen zwischen ökonomischer Basis und politischem Überbau.Manchmal macht der Überbau sich selbständig.Im Moment haben wir in Berlin eine Basis-Überbau-Zeitverschiebung wie aus dem marxistischen Lehrbuch: einerseits modernisiert sich die Mitte der Stadt rapide, sie ist ein Magnet für talentierte Leute aus allen möglichen Branchen.Andererseits sind die alten politischen Eliten aus West-Berlin noch immer an der Macht.Das müde Siebziger-Jahre-Charlottenburg regiert, und in seinem politischen Schaufenster liegt seit Jahrzehnten das gleiche verstaubte Angebot.Wirkliches Leben und politisches Dekor passen nicht zusammen.

Verkörpert wird das alte West-Berlin von den CDU-Fürsten Eberhard Diepgen und Klaus Landowsky, von dem Opernchef Götz Friedrich, dem Anwalt und Strippenzieher Peter Raue, dem Berlinale-Chef und alljährlichen Berlin-Touristen Moritz de Hadeln, von Walter Momper, SPD, von Ulrich Eckhardt, Berliner Festspiele, und so weiter.Das Berliner Konzertwesen liegt, wie eh und je, ohne ernsthafte Konkurrenz in den Händen von Peter Schwenkow, sein Pendant im Juwelierwesen heißt "Goldi" Goldberg.Die Rolle des führenden Hauptstadt-Freaks spielt, seit Jahrzehnten schon, der Juppie von der Ufa-Fabrik.Und der Partylöwe Nummer eins heißt Artur Brauner, wie schon immer.

Auch der SFB ist ein schönes Beispiel für die Fortexistenz des alten West-Berlin.Der Fernsehsender aus der deutschen Hauptstadt, in der sich bei Presseterminen Medienvertreter aus aller Welt um die besten Plätze balgen, hat es nicht einmal geschafft, ein Satellitenplätzchen zu besetzen.Im Hörfunk schickt der SFB fünf Programme in die Quotenschlacht, von denen, wenn man mal ehrlich ist, kein einziges Erfolg hat.In einem Privatunternehmen, in der Welt des neuen, östlichen Hackesche-Höfe-Kapitalismus, würde längst die Hütte brennen.

Die alten West-Berliner Eliten hatten immer von der "Weltstadt Berlin" gesprochen.Jetzt, wo aus der Floskel Realität wird, haben sie allen Grund, erschrocken zu sein.Das alte West-Berlin war eine in sich geschlossene Welt der Cliquen und der Zirkel.Es war vor allem wichtig, dazu zu gehören, und zwar seit möglichst langer Zeit.Es war reizvoll, in einer vom Leistungsdruck weitgehend befreiten Stadt leben zu dürfen.Im neuen Hackesche-Höfe-Berlin kommt es darauf an, in zu sein, das heißt: neu.Wichtig ist es, Erfolg zu haben, und zwar heute.Diese Haltung entspricht dem in Sonntagsreden so gerne beschworenen Zwanziger-Jahre-Mythos von Berlin.Die zwanziger Jahre waren wohl auch ziemlich ungemütlich.

Wenn in ein paar Wochen die Regierung nach Berlin kommt, werden die Dinge sich noch einmal beschleunigen.Es geht nicht etwa darum, noch ein paar Quoten-Ostdeutsche in die Reihen des Berliner Polit-Adels aufzunehmen, wie zu Beginn der neunziger Jahre.Darüber ist die Stadt hinaus.Nein, es sind die Eliten aus ganz Deutschland, die Branche für Branche, eingeschlossen die Branche Politik, in diese Stadt einziehen.Die dreifache Sogwirkung Berlins - Machtzentrum, kulturelles Zentrum, größte Stadt - ist schon jetzt bis in die hintersten Winkel des Landes spürbar.Ein paar Personen aus der West-Berliner Elite werden ihre Stellung behaupten, andere nicht.

Die Auferstehung von West-Berlin ist allerdings nur eine Frage der Zeit.Es war ja kein Zufall, daß sich im Westen die etwas feineren, etwas schickeren Viertel herausbildeten, wie in den meisten Weltstädten übrigens.Es hängt in Berlin mit der Nähe zu den Seen, zu Parks und Wäldern zusammen, damit, daß es am Rand der großen Stadt Platz gab für eine elegante, gelassene, intellektuelle Antwort auf die Hektik der Innenstadt.Zum Flanieren der Kurfürstendamm, zum Kaufen und Rennen und Amüsieren die Friedrichstraße.

An der Geographie der Stadt hat sich nichts geändert.Der Westen liegt immer noch in der Nähe der Seen und Wälder.Das Nachtleben und die Zwanzigjährigen wird der Westen sich nicht zurückerobern.Aber die Erkenntnis, daß es in den westlichen Bezirken eine besondere Lebensqualität gibt, wird schon bald wieder um sich greifen: Wer zwanzig ist und nicht im Ostteil der Stadt wohnt, ist vermutlich ein Sonderling.Wer aber kleine Kinder hat und nach Prenzlauer Berg zieht, der muß verrückt sein.Der neue Westen wird lernen, sich in die neue, alte Geographie der Stadt einzufügen.Er hat seine Qualitäten, und er wird deshalb wieder leuchten.Ein bißchen.Irgendwann.Aber er ist trotzdem nichts Besonderes mehr.

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