Kultur : Stillstand am laufenden Band

Giorgio de Chirico in der Galerie Michael Haas

Simone Reber

„Pictor optimus“, der beste Maler, schreibt Giorgio de Chirico auf eines seiner Selbstporträts von 1947/48. Es zeigt ihn in klassischer Pose, die Palette in der einen, den Pinsel in der anderen, manikürten Hand. Die vorspringende Nase und das fliehende Kinn verraten einen widersprüchlichen Menschen: stürmisch und defensiv. Ein konservativer Revolutionär. Zeit seines Lebens hat der Rätselmaler am eigenen Mythos gesponnen. Während seine geheimnisvollen italienischen Plätze als Bühne fungieren, stellen die Selbstporträts Maskenspiele dar.

Verbürgt scheint de Chiricos Geburtsdatum – er ist am 10. Juli 1888 im griechischen Volos zur Welt gekommen. Zum Jubiläum zeigt nun die Galerie Michael Haas eine erstaunlich umfangreiche Ausstellung über den Erfinder der „Pittura Metafisica“. Mithilfe von Gerd Roos, der am Werkverzeichnis de Chiricos arbeitet, hat Haas gemeinsam mit der Zürcher Galerie Andrea Caratsch etwa zwanzig Werke für den Handel ausfindig gemacht. Die Preise lassen die Größenordnung des Coups erahnen. Das Selbstporträt des Malers kostet 580 000 Euro. Was die Echtheit der Bilder angeht – de Chirico gehört zu den meistgefälschten Künstlern des 20. Jahrhunderts –, berufen sich die Galeristen auf die Expertise des Forschers und die Nachweise in der Literatur.

So sorgsam die Ausstellung vorbereitet ist, sie bestätigt doch alte Urteile. Mit seinem Frühwerk hat Giorgio de Chirico zweifellos die Kunst des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst. Noch vor den Surrealisten entdeckte er die Macht des Unterbewusstseins und die eigenständige Sprache der Dinge. Magritte soll geweint haben, als er zum ersten Mal ein Werk de Chiricos sah. Doch schon Anfang der zwanziger Jahre erfolgte der Bruch mit den Surrealisten. Mit Gummipferdchen im Fenster ihrer Galerie verhöhnten sie ihn wegen seiner Rückkehr zu historischen Themen. Schließlich brachte de Chirico sich selbst in Verruf, indem er frühe, erfolgreiche Motive immer wieder aufnahm und die Repliken mitunter zurückdatierte.

In der Ausstellung der Galerie Haas offenbaren die Bilder von den italienischen Plätzen aus den 60er und 70er Jahren (500 000 bis 1,2 Mio. Euro), wie sehr de Chirico später mit Versatzstücken gearbeitet hat. Die Arkaden aus der Münchner Studienzeit, die Eisenbahn, die hinter dem Elternhaus in Volos entlangfuhr, die Mole Antonelliana aus Turin. Fortschritt und Rückblick bremsen sich in diesen Szenen zu absolutem Stillstand aus. Aber das wiederholte Durcharbeiten der Erinnerung an die eigenen Ideen lässt die Kunst blutleer erscheinen. Anfangs will der Maler die Tiefe der Sinnlosigkeit ausloten. Später erreicht er in der mechanischen Reproduktion nur noch Flächigkeit. Eine giftige Einsamkeit umgibt diese Bilder. Giorgio de Chiricos Werk speist sich aus sich selbst und verzehrt sich dabei. Simone Reber

Galerie Michael Haas, Niebuhrstr. 5, bis 2. 8.; Mo.–Fr. 9–18 Uhr, Sa. 11–14 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben