Kultur : Stimme der Liebe

Meike Fessmann

Die Sprache der Diplomatie hat sie gehasst. Im Amt des Bundespräsidenten, für das sie 1984 von den Grünen vorgeschlagen wurde, wäre sie nicht glücklich geworden. Luise Rinser nahm kein Blatt vor den Mund und fürchtete sich nicht vor den Folgen ihrer Äußerungen. Sie war eine Privatperson, auch in der Öffentlichkeit, eine Hohepriesterin der Widersprüche, nur sich selbst und den eigenen Einfällen verpflichtet. Und vielleicht noch ihren Lesern. Die haben sie immer verehrt. Manche pilgerten sogar nach Rom, zu ihrem Haus, das sie sich in der Nähe der italienischen Hauptstadt gekauft hatte. Mit freundlicher Aufmerksamkeit konnten sie rechnen und auch mit Rat. Denn für Luise Rinser war klar, dass Schreiben eine geistige Tätigkeit ist, die Zusammenhalt stiften kann.

Die am 30. April 1911 im oberbayrischen Pitzling geborene Lehrerstochter vereinte pragmatisches Geschick mit geistigem Anspruch. Zwei Söhne zog sie nach dem Tod ihres ersten Mannes alleine auf, ernährte sie als Lehrerin und später als freie Autorin. Ihr Schaffensdrang war Notwendigkeit und versiegte auch dann nicht, als sie längst eine der erfolgreichsten Schrifstellerinnen im Nachkriegsdeutschland war. An den Tagungen der Gruppe 47 hat sie nur am Rande teilgenommen. Es war eine Männergesellschaft, und das hat sie nicht weiter gekümmert. Allerdings zog es sie stets zu Männern hin. In zweiter Ehe war sie mit Carl Orff verheiratet, eine dritte Ehe sollte folgen. In hohem Alter schrieb sie einen Roman voller Leidenschaften, "Abaelards Liebe". Noch später, als Dreiundachtzigjährige, wagte sie, die "Gratwanderung", ihre Briefe an den befreundeten Theologen Karl Rahner, herauszugeben. Der schwärmerische Ton, in dem sie die Liebe feierte, wurde von manchen Kritikern verächtlich gemacht. Die Rezeption erinnert nicht nur darin an eine große Vorgängerin. Wie Else Lasker-Schüler war auch Luise Rinser eine Schriftstellerin, die das Herz auf der Zunge trug. Und auch sie hätte am liebsten die Religionen der Welt mittels Liebe versöhnt.

Rinser war von Haus aus Katholikin. Zugleich aber eine strenge Kritikerin des Klerikalen. Sie hat nicht nur Bücher über biblische Figuren geschrieben, wie "Mirjam" (1983), einen Roman über Maria Magdalena, sondern auch buddhistisches Denken in ihre Weltsicht integriert. Manche nannten sie einen "Böll für Frauen". Und es ist bei weitem nicht ausgemacht, ob die wieder aufkeimende Dignität des Spirituellen, die neuerdings in den Feuilletons zu beobachten ist, nicht auf eine neue Wertschätzung ihres Werks hinauslaufen wird.

Ihr erstes Buch erschien 1941 im S. Fischer Verlag. "Die gläsernen Ringe" gehört nach wie vor zu ihrenerfolgreichsten Werken: eine Erzählung, die nichts von ihrem Rang eingebüßt hat. Im Herbst 1944 wurde Luise Rinser verhaftet und kam wegen Hochverrats und Wehrkraftzersetzung ins Frauengefängnis von Traunstein. Jene, die der etablierten Autorin ihre frühen journalistischen Texte im Dritten Reich vorwarfen, haben das gern übersehen. Von 1945 bis 1955 arbeitete Luise Rinser als Literaturkritikerin der "Neuen Zeitung" in München. Sie schrieb mehr als dreißig Bücher, Erzählungen, Romane, Essays und (insgesamt sechs) Tagebücher. Auch "Mitte des Lebens" (1950) ist bis heute ein gültiger Roman über die Schwierigkeiten eines selbstbestimmten weiblichen Lebens geblieben. "Den Wolf umarmen" hieß 1981 der erste Teil ihrer Autobiografie. Er beschreibt darin ihr Leben bis zum Jahr 1950. Die Fortsetzung wagte sie erst ein gutes Jahrzehnt später, wohl wissend, dass es heikel ist, die eigenen Herzensangelegenheiten in der Öffentlichkeit abzuhandeln. "Saturn auf der Sonne" wurde entsprechend zwiespältig aufgenommen.

Luise Rinser hat sich immer politisch engagiert. Sie hielt Reden für die SPD Willy Brandts, kämpfte gegen den Abtreibungsparagraphen und demonstrierte gegen die Stationierung amerikanischer Pershings. Mit "Wer wirft den ersten Stein?" (1987) setzte sie sich energisch für die Rechte der Sinti und Roma ein.

Wie Doris Lessing und Anna Seghers hatte auch Luise Rinser ein Frauengesicht, das auch im Alter unter dem fest zusammengebundenen Haar schön blieb. Es ist eine von den Augen herkommende geistige Schönheit, der Falten nichts anhaben können, das Antlitz einer Frauengeneration, die ganz zum letzten Jahrhundert gehört. Am Sonntag ist sie die Schriftstellerin im Alter von 90 Jahren in einem Stift in Unterhaching bei München gestorben.

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