Kultur : Stimme und Verstummen

Gregor Dotzauer

Wenn sich im Lauf der Jahre die ungelesenen Bücher zu immer höheren Bergen türmen, ist es ein kleines Glücksgefühl, einen Band von 100 Seiten inklusive Vorwort in zehn Minuten zu bezwingen. Wieder einen Titel abgetragen, denkt man, und hat von Felix Philipp Ingolds Sammlung russischer Einzeiler wahrscheinlich doch nicht viel verstanden. Die Zeit, die man für diese Gedichte braucht, übersteigt sogar diejenige, die man für erzählende Literatur aufwenden muss - gewissermaßen tausend Ewigkeiten pro Sekunde. Man liest Poesie, um es vereinfacht zu sagen, ja nicht aus, sondern liest sich hinein in ihre Klang- und Bedeutungsschichten. Es gibt in Ingolds Auswahl von Kürzestgedichten zwar auch Sentenzenhaftes, Aphoristisches und halbgare Pointen. Das Gros der Verse aber lässt sich nicht als Gedankenextrakt fassen. Sie entfalten ihre Wirkung als Sprachbild, von der Wort- und Lautmeditation über das Spiel mit dem einzelnen Buchstaben bis hin zur Konkreten Poesie - Formen, die häufiger in der konzeptuellen Kunst anzutreffen sind als im klassischen Medium des Drucks. Dennoch gehören nicht nur die metaphysischen Konzentrate des großen tschuwaschischen Dichters Gennadij Ajgi zweifellos aufs Papier: Um das Verhältnis von Sprechen und Verstummen darzustellen, braucht es keinen teuren Materialaufwand. Die Einzeiler sind manchmal so flüchtig wie japanische Haikus (nur ohne deren festgelegte Silbenfolge) und manchmal so rätselhaft wie Zen-Koans: Oh, wenn man einfach schweigen könnte! (Igor Garin). Bei Bonifazij heißt das: das gleiche sagen aber kürzer/ das gleiche aber kürzer/ kürzer. Das übrigens waren gleich drei Gedichte auf einmal.Geballtes Schweigen. Zeitgenössische russische Einzeiler. Zusammengetragen, übersetzt und herausgegeben von Felix Philipp Ingold. Erker Verlag, St. Gallen 1999. 110 S., 33,50 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben