Kultur : Stimmen aus dem Off

Bodo Mrozek

besucht die alternative Popmesse Noch wenige Tage, dann ist auch diese alles beherrschende Berlinale vorüber. Manche Dinge werden wir vermissen, zum Beispiel Menschen mit Hut in der U- Bahn. Oder das babylonische Geschnatter in Restaurants und Clubs. Andererseits wird es dann auch endlich wieder möglich sein, ohne Nahkampfausbildung ein Taxi zu ergattern. Und man muss nicht einen halben Tag einplanen, wenn man mit dem Auto am Potsdamer Platz vorbeifahren will. All diejenigen aber, die gerne den ganzen Tag ein wichtiges Bändchen um den Hals spazieren führen, verfallen schon bald wieder in ihre winterliche Berlin-Depression.

Frohe Kunde kommt da aus dem Randbezirk Treptow. Denn im Glashaus der Arena (Eichenstr. 4) beginnt heute schon das nächste Festival. Die Offpopvision 2005 ist weniger eine Antwort auf die Berlinale, als vielmehr auf die Popkomm, jene offizielle Popkultur also, „die in Berlin versucht, ihre Zelte neu aufzuschlagen und überflüssige Produkte an leidgeprüfte Endverbraucher zu vermarkten“. Derart kämpferisch jedenfalls versteht sich die alternative Messe selbst. „Übersättigt von Kommerz, Popstarmacherei und vorgefertigten Massenideologien, wenden sich immer mehr Menschen ab von Marktschreierei und Renditengeschwätz und suchen nach Alternativen“, heißt es im Gründungsmanifest. Das Festival entstand aus dem Umfeld des Vereins Raumer 1 und anderen, im Nacht- und Kulturleben gewachsenen Initiativen. Erstmals tagte es vergangenes Jahr im Pfefferberg und vergab in der Zionskirche den selbst gestifteten Offpop-Award. Die zweite Ausgabe bietet nun wieder Kunst „aus dem Off“: Bis Sonntag Nacht sind jeden Abend ab 18 Uhr Filme wie „Unternehmen Paradies“ im Programm, Volker Sattels Berlinfilm zwischen Erotikmesse und Präsidentenbesuch (Programm: www.offpopvision.de).

Zum Tanz legen DJ-Teams wie Miss Kaleidoskop und Marc „Boogaloo“ Fuck auf, die Lesebühnen Brauseboys und Lokalrunde sind dabei und das WM-Team Mitte moderiert. Channel four , der Livesender ohne Kabel und Antenne wird das Programm mit einer Rund-um-die-Uhr- Moderation exklusiv begleiten und auf die Videoleinwände in den Nachbarräumen übertragen. Der Höhepunkt dürfte abermals der Auftritt des 28-köpfigen Jan Opoczynski Orchesters werden, dem mit seinem swingenden Schlagersound das seltene Kunststück gelingt, eine musikalische Brücke zwischen Dean Martin und Manfred Krug, Glenn Miller und Udo Lindenberg zu schlagen und dabei irgendwo in der Mitte zwischen diesen extremen Polen zu landen.

Weil es aber ganz ohne Prominenz auch im Underground nicht geht, ist diesmal der Schauspieler Alexander Scheer („Sonnenallee“) Schirmherr. Für alle drei Tage gibt es für 20 Euro einen Festivalpass. Und den kann man sich dann auch ganz wichtig um den Hals baumeln lassen.

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