Kultur : Stimmen aus dem Off

Der 2. Berliner Kunstsalon will swingen

Peter Herbstreuth

Der 2. Berliner Kunstsalon begann erst gestern Abend, dauert dafür aber ein paar Tage länger als die anderen drei Messen. Wie im vorigen Jahr zeigen in der Treptower Arena-Halle 50 Aussteller auf 4500 Quadratmetern Werke von 400 Künstlern. Solo-Schauen sind rar und fallen schnell ins Auge. Zum Beispiel Franka Hörnschemeyer in der Berliner Galerie Kapinos, die einen unvorhersehbaren Spazierweg baute und mit exzellenten Fotografien von Hitlers verfallenem Wunderwaffenlabor in Peenemünde flankiert: Geschichts-, Raum- und Seherlebnis in einem. Große Gesten für Mikro-Recherchen findet man auch in der Pariser Galerie Schleicher + Lange von Matt O’Dell, der die explodierten Teile des Columbia Space Shuttle 2003 auf einer raumgreifenden Grabplatte nachempfindet oder in dem ironie-kaschierten Kitschraum von Christoph Kopacs als ein schönes Beispiel für künstlerische Ratlosigkeit.

Performative und karnevaleske Projekte wurden ausjuriert. Der Kunstsalon gibt sich nicht mehr als raue Stimme aus dem Off, sondern als kleine swingende Messe: sammlerorientiert, kojenbestückt und ziemlich aufgeräumt. Kunsthäuser aus Jena, Balmoral, Luckenwalde werben mit großen Kojen zwischen kleinen Produzentengalerien. Die Entscheidung, auf dem Kunstsalon und nicht beim Art Forum zu sein, ist für viele keine ideelle, sondern schlicht ökonomischer Natur. Wobei einige Künstler und Initiativen bei beiden vertreten sind. Eigenständigkeit beweist der Kunstsalon mit seinem unhandlichen, dafür sehr informativen Messekatalog, in dem Galerien, Projekte, Ausstellung porträtiert werden. Das macht das schlanke Werk über die Messetage hinaus brauchbar. Denn man liest keinen Wettbewerb im Namedropping , sondern Fakten, Informationen und Bewertungen.

Vieles ist nicht neu in der Sache, aber neu am Markt und fast alle Preise liegen unter 10000 Euro. Das Projekt Fleisch zeigt postminimale Zeichnungen als Raumteiler. In der Galerie Christa Burger aus München sieht man jedermanns Marilyn Monroe im Eigenheim. Und neben dem fleißigen Kurator Spunk Seidel, der gleich drei Ausstellungen bestückt, zeigt Asim Chughtai eine Schau mit Werken von 50 Künstlern „in Auseinandersetzung mit dem Betrachter“, darunter Thomas Locher, Gerold Miller und Gerwald Rockenschaub. Das überbordende Begleitprogramm ist auf Augenhöhe mit dem Art Forum, wobei öffentliches Nachdenken über Kunst (Diskurs), Information (Politik) und Recherchen (Ethik) eine dominierende Rolle spielen sollen. Brisant könnte vor allem der Mittwoch werden, wenn alle künstlerischen Leiter der vier Berliner Messen darüber sprechen, weshalb die Stadt vier Messen gleichzeitig hat (20.30 Uhr).

Arena-Berlin, Eichenstraße 4, bis 6. Oktober, tägl. 13–22 Uhr, Eintritt 8 Euro. Katalog 12 Euro, www. berlinerkunstsalon.de.

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