Kultur : Stimmen hören

-

ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

einen Erleuchteten in finsteren Zeiten

Er sieht sich als wilden Mann, der keiner bestimmten Schule angehört. Er hat alle asiatischen Religionen studiert, und seine Großmutter lehrte ihn die heiligen Dinge der HopiIndianer. Der Mann heißt Charles Lloyd, er ist die große Innere Stimme unter den lebenden Jazzsaxofonisten. Während die Musik der New Yorker Jazzer von jeher härter und hitziger klingt, kommen die von der Westküste introvertierter, immer etwas leicht schwebend daher. Und Charles Lloyd ist ihr einsamer Botschafter, der Wiedergeborene, der Erleuchtete. Lloyd erzählt von der Schönheit in der Musik, mit der er aufwuchs. Lester Young, Billie Holiday, Charlie Parker, John Coltrane und Duke Ellington – das waren seine Heiligen.

Lloyd wuchs im Süden von Memphis auf, und er erinnert sich auch gern daran, dass John Lennon auf einer der letzten Pressekonferenzen der Beatles mit einem Hut auftrat, an dem er ein Schild mit Lloyds Namen trug. Lloyd war nämlich Teil der Szene in jenen Tagen. Mit Jimi Hendrix und all diesen Typen. Lloyds aktuelles 2-CD-Set „Lift every voice“ zelebriert die Musik eines anderen Amerikas, die Musik zu einer Vision von einer Welt, in der die Menschen friedlich zusammenleben. Mitte der Sechzigerjahre war er ein Pop-Star des Jazz, der junge Keith Jarrett war sein Pianist, mit der Parole „I want to call my brothers and sisters home“ trat er Anfang der Neunzigerjahre sein Comeback an. „Ich möchte die Kinder aufwecken, damit sie ihr Leben bewusster, kreativer, friedlicher und glücklicher führen können,“ sagt Lloyd und lässt keinen Zweifel daran, dass er diesen Auftrag wirklich spürt.

„Als ich jung war, wollte ich die Welt durch meine Musik verändern. Ich fühlte mich auf einer Mission. Als ich dann das Quartett mit Keith Jarrett hatte, merkte ich, dass ich nicht die ganze Welt ändern kann, sondern bestenfalls mich selbst. Vielleicht könnte man dadurch ein Beispiel geben. Aber die Veränderung muss bei dir zuhause anfangen.“ Die Frage sei, wie die Menschen zur Wahrheit finden, zum Universum, zur soul. Lloyd lebt ein erklärt „einfaches“ Leben im irdisch teuren Paradies an der kalifornischen Küste. „Wir leben auf einem Waldgrundstück in Big Sur, pflanzen Obst und Gemüse an, von dem wir uns ernähren, wir gehen spazieren oder schwimmen im Ozean. Wir leben easy. Aber mit einem großen Gefühl für Menschlichkeit.“

Jede neue Platte von Charles Lloyd ist ein Hoffnungsträger in der zäh gewordenen Geschichte des Jazz. Dank Lloyd erscheint sie auf einmal unendlich weit und offen, seine Musik entwirft Stimmungen, in denen der Horizont im Fluss einer wunderschönen Melodie schimmert. Mit neuem Quartett und der Pianistin Geri Allen tritt Lloyd heute im Tränenpalast auf (21 Uhr). Weitere Highlights: Bill Frisell kommt am Mittwoch ins Quasimodo mit neuer CD „The Intercontinentals“ und seiner besten Band seit Jahren (22 Uhr) .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben