Kultur : Stimmen, Schatten, Räume - John von Düffels zweiter Roman

Wilfried F. Schoeller

Mit dem zweiten Buch hat es oft eine eigene Bewandtnis: Nach der Energie, die den Erstling hervorgebracht hat, fehlt es an sicherer Konzentration. Der Nachfolger verleppert sich im Wiederholungszwang. John von Düffels Roman "Zeit des Verschwindens" steckt in der umgekehrten Schwierigkeit: Er ist das Dokument einer abschnürenden Strenge, eines Konzepts, das wie der unbedingte Ernstfall wirkt. Der zu Recht hoch gerühmte Debütroman "Vom Wasser" bildete ein Depot von Familiengeschichten, die, in einem magisch verdichteten Gelände, am Metaphernstrom des Wassers trieben. Der neue Roman setzt zwei Kopfmonologe über Beziehungsverluste und Verstörungen gegeneinander und entwickelt sie mit solcher Konsequenz, dass daraus ein Bild klinischer Beschädigung entsteht.

Ein Mann fährt 600 Kilometer, um seinen kleinen Sohn zum Geburtstag zu besuchen - oder er stellt sich diese Reise vor, um die Trennung von Ehefrau und Kind für sich zu begründen. Eine junge Frau umkreist den Tod ihrer Schwester und erdenkt sich die Möglichkeit, dass der eigene Freund sie einst mit ihr betrogen hat. Der einsame Autofahrer trägt den Namen seines Sohnes und verliert sich im Memorieren. Heimkehr und Abstoßung, Sehnsucht, Entfernung und Selbstbezichtigung durchdringen einander, ergeben ein hermetisches Gedankengemurmel. Die Frau entgleitet, was Realität sein könnte, in den Traum. Die Verbindung zu Anderen ist abgerissen, der Verlust der Schwester hat sie auch von ihrem Freund getrennt. Der Mann will nur Beobachter sein und trennt dabei seine Nächsten von sich ab. Das Gift des Zusehens ersetzt die Orientierung. Während er also auf der Autobahn dahinrast, entfernt er sich von seinem Ziel.

Der Kopf ist eine Art Durchlauferhitzer aller Möglichkeiten, Distanz zu finden. Er erfindet sich einen Nebenbuhler, der seinen Platz bei der Familie eingenommen hat. In ihrer Vorstellung ist die tote Schwester die stärkere Stimme als sie selbst. Die beiden Monologe entwerfen eine doppelte Fremdheit, bezeichnen die Sprechverluste, wechselseitigen Täuschungen, Eifersuchtsfantasien und anderes Projektionsverhalten. Sie messen den Zwischenraum aus, der von der einen Person zur anderen sich ausgedehnt hat. Sie lässt in ihrem Monolog das Negativbild einer Liebesgeschichte entstehen, er in seinem das Umkehrbild der kindlichen Verlassenheit. Aber sie begegnen einander nur in der Ähnlichkeit der Befunde, laufen nicht aufeinander zu, treffen sich nicht in einem gemeinsamen Geschick. Sie passen nicht wie Hälften aufeinander: Diese Chance, zwei Seiten einer Münze zu betrachten, hat John von Düffel nicht aufgegriffen.

Versehrungen des Selbst werden abgebildet, jedoch ohne die letzte erzählerische Konsequenz: Beide Figuren befinden sich in einem eher konventionellen Gefängnis der ersten Person Einzahl. Ihre beide inneren Monologe kommen geordnet daher, bewegen sich in der durchsichtigen Form des Paradoxes. Dass "Ich" ein Anderer sei, wird bei diesen beiden Flaneuren der Selbstversunkenheit nicht realisiert. Die Brechung des inneren Monologsdurch Partikel der Außenwahrnehmung findet bei Düffel nicht statt. Die beiden Urenkel von Schnitzlers Figuren reden sich nur in eine Monotonie hinein: Schattenstimmen eines Hörspiels, das auf seine Inszenierung erst noch wartet.John von Düffel: Zeit des Verschwindens. Roman. DuMont, Köln 2000. 220 Seiten, 34 DM.

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