Kultur : Stimmung aus dem Off

Kontaktbörse, Sprungbrett, Lebenskonzept: ein Rundgang durch Berliner Projekträume

Claudia Wahjudi

Versuche, sie zu listen, gibt es immer wieder. Rund 20 Berliner Projekträume zählten die Kuratoren der 4. Berlin Biennale im Galerienführer „index“ auf. Kurz darauf nannte das niederländische Künstlermagazin „Fucking Good Art“ in seinem Berlinheft 36 Ausstellungsorte, die von Künstlern geleitet werden. Doch jede Aufzählung ist sofort überholt: Ständig eröffnen neue Projekträume, in leeren Läden und Fabriken, in Wohnungen, Containern, Theatern, Straßenvitrinen, und manche schließen bereits nach wenigen Tagen wieder.

Projekträume bieten Berufsanfängern die Chance, sich auf dem Markt bemerkbar zu machen. Eine Gelegenheit, die zu nutzen immer wichtiger wird, je mehr Künstler in Berlin um Aufmerksamkeit konkurrieren. Schließlich können nicht alle der rund 5000 Berliner Künstler in Galerien unterkommen. Vor allem aber schaffen Künstler für sich und andere Möglichkeiten, sich unabhängig von Galeristen und Kuratoren mit Themen jenseits von Trends auseinander zu setzen. Die Fotografen von neunplus (www.neunplus.com) in der Borsigstraße beispielsweise widmen ihre Ausstellungen und Diskussionen ausschließlich der Autorenfotografie. Bei Jet (www.j-e-t.org) am Alexanderplatz suchen Künstler in der Reihe „Was Wäre Wenn“ nach Utopien. Und bei General Public (www.generalpublic.de) in der Schönhauser Allee präsentierten die Ausstellenden jüngst Ideen, die sie eigentlich schon verworfen hatten.

Nichts ist unmöglich. Bei manchen laden die Künstler Gastkuratoren ein, bei anderen organisieren sie die Ausstellungen allein. Oft teilen sich die Künstler die Miete, mitunter helfen Botschaften und Sponsoren aus, mancherorts wird ein wenig verkauft. Es gibt Projekträume, die außer einigen Freunden niemand kennen soll, und es gibt prominente wie das Büro Friedrich (www.buerofriedrich.org), das 1997 nahe dem Bahnhof Friedrichstraße eröffnete und mit Unterstützung der niederländischen Regierung ein internationales Programm zeigte. Heute, in den S-Bahnbögen an der Jannowitzbrücke gelegen, ist es in die finanzielle Selbstständigkeit entlassen und unterhält eine Dependance in Bejing. Leiter Waling Boers setzt nun auf eine Mischfinanzierung aus öffentlicher Förderung, Sponsoring und Verkauf. Noch ist offen, ob die Rechnung aufgeht. „Es geht uns darum, wie man unabhängig agieren kann“,sagt Boers, „ darum, sich weder allein auf öffentliche Haushalte zu verlassen noch allein auf die Launen des schnellen Markts zu setzen.“

Nicht zuletzt aber geht es um Spaß – ob beim Grillen vorm Büro Friedrich oder bei General Public, wo Künstler und Gäste gemeinsam die WM-Spiele schauen. Denn Projekträume sind Kontaktbörsen. Neu zugezogene Künstler aus dem Ausland treffen hier Landsleute und lernen Berliner Kollegen kennen. So sammeln sich im Kunstsalon Wilde Gans Schweizer, in der Galerie Zero Polen, bei Invaliden1 Spanier und Portugiesen, im Projekt 0047 Skandinavier, und den harten Kern der Wandergalerie Skuril**letten bilden Italiener. Visite ma tente (www.visitematente.com) im Wedding zeigt Arbeiten von Künstlern aus Frankreich und Berlin. Die Künstlerin Marie-josé Ourtilane betreut den Raum. „Ein Projekt ist eine typisch Berliner Art zu leben“, sagt sie. Sicher, Künstler nutzen die Wirtschaftskrise und finden in den vielen leeren Immobilien Räume, die ihnen Firmen, Wohnungsbaugesellschaften und Quartiersmanager günstig auf Zeit überlassen. Ourtilane meint aber noch etwas anderes: Die Brüche der deutschen Geschichte hätten die Bewohner der Stadt darin geübt, sich nur vorübergehend einzurichten, immer wieder von vorn zu beginnen und sich selbst zu helfen.

Ausstellungen in Wohnungen und Kellern gab es bereits im geteilten Berlin, und das Wort „Selbstausbeutung“, eine häufig gebrauchte Vokabel in der West-Berliner Linken, ist heute wieder zu hören – mit ironischem Unterton, falls die Selbstausbeutung freiwillig ist. Denn verkaufen wollen Künstler ja nicht immer. Für Peter Jap Lim, der im Juni Zeichnungen und Skulpturen bei Visite ma tente zeigte, sind Präsentationen in Projekträumen willkommene Abwechslungen. „Ich brauche das als Alternative“, sagt er. Auf dem Markt sei kein Platz für Gesellschaftskritik, sagt dagegen der Videokünstler Kaya Behkalam und meint dabei auch den Einfluss, den Zensoren in Diktaturen auf kommerziell arbeitende Galerien ausüben. Behkalam wirkt in der Künstlergruppe Reloading Images (www.reloadingimages.org) mit, die sich im Projektraum E4 in Prenzlauer Berg trifft: Sie organisiert Ausstellungen mit Arbeiten, die westliche Klischees vom Orient widerlegen. Für den Winter plant sie einen Künstleraustausch mit dem unabhängigen Künstlerraum Parking Gallery in Teheran.

„Preise verstellen die Sicht auf die Welt“, sagt die Künstlerin Sybille Kesslau, die zusammen mit Andreas Koch die Galerie Koch & Kesslau leitete. Jetzt sucht sie Distanz zum Verwertungsdruck. In ihrer alten Galerie an der Kastanienallee hat sie ein schwarzes Möbelstück ausgestellt, das sie gebaut hat – halb Bank, halb Kommode. In ihm sammelt sie Mappen von Kollegen. Besucher können im Liegen darin lesen. Kesslau geht es um Muße und Muse: Ihre Mappenmöbelgalerie dient weniger als Sprungbrett, denn als Ort des produktiven Rückzugs.

„Vielleicht ist es ein Vorteil, dass es hier keine Kunsthalle gibt“, schreibt die Künstlerin Nienke Terpsma im Magazin „Fucking Good Art“. „Vielleicht ist das der Antrieb der dynamischen Berliner Kunstwelt.“ Auch so ließe sich der Trend zum unabhängigen Künstlerraum erklären. Fest aber steht: So wenig wie eine Kunsthalle ist derzeit ein Ende der Dynamik in Sicht.

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