Kultur : Stimmungstod

FREDERIK HANSSEN

Fado im Stehen: Portugals "neue Stimme" Misia singt im PfefferbergVON FREDERIK HANSSENDie Gedanken, die einer Mutter durch den Kopf gehen, wenn sie das Zimmer ihres toten Sohnes betritt, um dort Staub von den Möbeln zu wischen - so erklärte mir ein Freund einmal das Wort "saudade".Er schob mich in der Altstadt von Lissabon durch eine Holztür in eine Art Garage, wo Portugiesen, auf Bananenkisten sitzend, einer Fadosängerin zuhörten.Auch wer keine Zeile der Texte verstand, die da zur metallisch klingenden, tropfenförmigen Gitarre gesungen wurden, konnte ermessen, welches Gefühl aus Melancholie, Freude und unbestimmter Hoffnung sich in dieser Musik ausdrückt.Wie die tief unten im Hals entstehende portugiesische Sprache sich vom Vokalstaccato der Spanier unterscheidet, so bildet auch die Innenschau des Fado das Gegenstück zum theatralischen Flamenco.Fado braucht wie der Blues keine Zuhörer, keine Zuschauer.Die Lieder sind Selbstgespräche.Das macht die Faszination für den Fremden aus - er fühlt sich als Lauscher an der Wand.Fado braucht intime Räume, Platz zum Zuhören. Misia, die schöne Frau aus Porto, wurde von ihrer Plattenfirma in den Pfefferberg geschickt, um für ihre CD zu werben.Auf ihrer ersten Platte wagt die junge Sängerin erfolgreich einen internationalen Cross-Over, indem sie zeitgenössische Texte mit traditionellen Melodien verbindet.Ihre dunkle, weit tragende Stimme läßt die Gedichte zu dichten Lied-Monologen werden, die zum Mitlesen auffordern.Daran war im Pfefferberg nicht zu denken: Hunderte schwitzender Körper drängten sich stehend, Menschen unter 1,75 Meter hatten keine Chance, einen flüchtigen Blick auf die Sängerin zu erhaschen.Was bei Musik nicht stören mag, bei der man mittanzen kann, ist für den Fado stimmungstödlich.Glücklich, wer an diesem Abend vor dem "Ausverkauft"-Schild kapitulierte - der kann Geld und Zeit genußbringend in die CD und einen Abend mit Misia zu Hause investieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben