Sting in der Berliner Waldbühne : Die Speisung der 22.000

Kreiselnde Ohrwürmer: Der britische Popmusiker Sting singt Greatest Hits in der Berliner Waldbühne. Eine Konzertkritik ohne Punkt, aber mit Komma.

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Gitarrenhero. Sting und Band am Montagabend in der Berliner Waldbühne.
Gitarrenhero. Sting und Band am Montagabend in der Berliner Waldbühne.Foto: DAVIDS/Gerald Matzka

Sting steht auf den Leinwänden zur Linken und Rechten der Waldbühne, und es ist Sting, den die Leute wollen, nicht Joe Sumner, seinen Sohn aus erster Ehe, der hier auf der akustischen Gitarre zusammen mit einem Cajon-Spieler und einer blonden Sängerin ein paar Songs in die Weiten einer Arena hinausklampft, die für diese Art von Musik eigentlich zu groß ist, aber nachdem er fast so aussieht wie der Vater und sogar eine ähnliche Stimmfärbung hat, flattern ihm die Herzen doch ungehindert zu, und wenn er zu „Jellybean“ am Ende seine kleine Tochter auf die Bühne holt, die sich in der tönenden Anbetung des Papas und dem rasch schwindenden Abendlicht sonnt, ist kein Halten mehr, ein Vorgriff auf das Kommende, weil man ihnen bis auf Jellybean, Kinder gehören ins Bett, beim Hauptact neben einem Teufelsgeiger, einem Hyperpräzisionsdrummer und einem Keyboarder als Backgroundsänger und Perkussionisten gleich wiederbegegnen wird, Rücktritt ins zweite Glied, eine Familie auf Sommerurlaub in den Stadien Europas, gestern Wiesbaden, vorher Rom, Florenz und Mailand, tags darauf Polen, Dänemark und Norwegen, alles nach einer ausgedehnten Nordamerikatournee mit Peter Gabriel, da geht es Schlag auf Schlag und braucht trotz jahreszeitlich geratener Leichtigkeit eine eiserne Setlist, die Band soll nicht durcheinander kommen, die Lichtcomputer brauchen Disziplin, Abweichungen von der einmal geplanten Ordnung sind nicht vorgesehen, zum Auftakt „Every Breath You Take“, zum Abschluss des Zugabenblocks „Fragile“, selbst Dominic Millers Gitarrensoli sind genau eingetaktet, bloß keinen Chorus mehr, der das Geschehen aufhält, wahrscheinlich wissen auch die, die hier zur Speisung der 22 000 angetreten sind, bis ins Letzte, was sie erwartet, schließlich haben sie mit dem Meister einen 80-Euro-Vertrag über den Sting-Kanon abgeschlossen, anders könnten sie nicht jedes, wirklich jedes Lied so textsicher mitsingen, wie es ihnen der Fit-for-fun-Star in seinem Muscleshirt beim Workout vorexerziert, nichts fehlt hier außer der kleinsten Überraschung, nicht das alte Police-Repertoire von „Message in a Bottle“ und „So Lonely“ bis zur unvermeidlichen „Roxanne“, die sich hier reizvoll mit Bill Withers’ „Ain't No Sunshine“ kreuzt, nicht der „Englishman in New York“ oder „Shape of My Heart“, von der Tour mit Gabriel sind noch „Shock the Monkey“ und „Dancing With the Moonlit Knight“ aus dem Genesis-Album „Selling England by the Pound“, die Lieder müssen ihn bis in den Tiefschlaf verfolgen, schon beim makrobiotischen Frühstück wieder anspringen und beim Yoga durchs Hirn kreiseln, sein Kopf muss ein einziges Ohrwurmgefängnis sein, in dem er sich Luft verschaffen könnte, indem er zwei oder drei der Stücke ausprobiert, die er für sein für November angekündigtes Album aufgenommen hat, das erste Rockalbum seit 13 Jahren, auf dem es richtig zur Sache gehen soll, samt Single „I Can’t Stop Thinking About You“, von der im Netz schon einige Sekunden zu hören sind, kein Ton davon, vielleicht müsste man dazu den besonderen Vibe eines Ortes erspüren, wie soll man sich überhaupt einstellen auf die Abfolge der Tourstationen außer mit ein paar Brocken in der jeweiligen Landessprache und einem sturem Nachvornespielen durch die Scheinwerferwand, die selbst die Tausende von Handylichtern verschluckt, die bei den Balladen geschwenkt werden, es geht nicht darum, den Leuten die Ohren zu öffnen, es geht darum, ihnen Erinnerungen einzuflößen, oder ist womöglich die Vorbereitung eines Ausbruchs aus sehr viel größeren Zumutungen im Gange, derzufolge Sting, wie die „Gala“ schreibt, dringend Geld brauche, weil sich seine Firma Steerpike mit 41 Millionen Pfund im Minus befinde, er habe seine Londoner Stadtvilla bereits gegen ein bescheidenes Penthouse tauschen müssen, doch wer traut schon der „Gala“, und wen geht es an, aus welchen Gründen Sting mit seinem Bass Energie in anderer Leute Körper pumpt, bevor nur noch Las Vegas bleibt, die Mumifizierung als Legende, der Barhocker, das Glitzersakko, solange der Luftsprung und die kleine Rockgrätsche nicht beim Orthopäden enden und auch die eingefahrenste Routine noch so viel Druck erzeugt, dass am obersten Tribünenrand etwas ankommt.

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