Kultur : Stinkende Fische

SONJA BONIN

Mit solchen Tugenden räumen die sieben Künstler vom Projektraum gründlich auf. Ihr Buffet: ein "Gemälde" aus Taco-Chips, Skulpturen aus gekochten Eiern, darüber Mobiles aus blauen Trauben, ein Halbrelief mit echten - riechenden! - Fischen, oder eine Wäscheleine, mit Wurst und Käse behangen. Eine eßbare Ausstellung - die sich das Publikum am selben Abend einverleibt. Gesittet beginnt man, das Kunstwerk zu zerstören: den schwarzweißen Brot-Turm und die Schlangenlinien aus buntem Obst, die zierlichen Salatköpfe und das Zartgemüse aus der Dose, das um die Schallplatte aus Spaghetti kullert. Auch der kunstvoll gekringelte Käse und das aus Brot geschnitzte Brathähnchen müssen dran glauben. Eine Pellkartoffel-Skulptur ißt man mit ganz anderen Augen, sozusagen. Überhaupt entsteht hier eine eigene Form von Sinnlichkeit. Die Besucher bilden auf ihren Tellern selbst kleine Kunstwerke. Ein junger Mann zupft mit dem Mund ein paar Trauben von den Fäden, läßt eine Scheibe Wurst auf seinen Teller plumpsen. Das hat etwas Laszives, wie es überhaupt einen Hauch von Verderbtheit gewinnt, alles durcheinander und nicht unbedingt nur Hübsches zu vertilgen. Einige der Soßen-Klekse und Aufstrich-Häufchen sehen nicht gerade appetitlich aus. Genauso wenig wie die Brote in Hundekotform oder der umgestürzte Marmeladenhügel. Eine Art Pollock aus buntem Allerlei zu verspeisen braucht schon richtig Mut. Und auch an die Fettecke aus Schmalz hat sich vorsichtshalber niemand gewagt. Anderes blieb offensichlich aus ästhetischem Respekt verschont: ein Honigsee und die filigranen Skulptürchen einer Stadt aus Zahnstochern, Obst und Gemüse. Was gibt es nach dem leckeren "Serviervorschlag" wohl zum Dessert?

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