Kultur : Störgeräusche (Kommentar)

Caroline Fetscher

Ernst Jandl war der Lyriker, der den Lärm und seinen Widerpart verwandelte in "Laut und Luise". Laut und Leise laufen seitdem wie Zwillinge umher, in Zimmerlautstärke. Friedlich. Kultiviert. Aber subversiv.

Von solch stiller Sprengkraft der Sprache wollen Teenager der Gegenwart wenig wissen. Sie stehen auf Laut. Weil, sagt das Deutsche Grüne Kreuz, sie mit dem Hören von Dröhnen aus Boxen, "Ärger und Enttäuschung abreagieren". Herausgefunden hat man das in Detmold, bei einer alarmierenden Untersuchung von 463 Schülern.

Besonders "durch den häufigen Besuch von Discotheken und den Gebrauch von laut eingestellten Walkman-Geräten", entstehen Hörschäden, warnt ein Professor. Auch 1800 junge Männer - Mädchen und Frauen sind vergleichsweise leiser - hat man befragt, von denen ein Drittel "bereits Ohrensausen, Ohrenpfeifen oder taube Ohren nach lauten Schallereignissen wie etwa Rockkonzerten" hatten. Jeder zehnte Fünfzehnjährige, sagt der Experte, müsse im Jahr 2010 mit mittlerem Hörverlust rechnen. Die akustische Zeitbombe tickt. Darum wird jetzt das Deutsche Grüne Kreuz aktiv und hat die Kampagne "Take care of your ears" gestartet.

Die Störgeräusche sollen weg, natürlich nur der Jugend zuliebe. Aber was ist eigentlich los? Die Welt brüllt dich an, und du brüllst zurück. Jugendliche Liebe zum Lärm ist ein Symptom. Jugendliche sind noch Niemand und haben nichts, oft nicht mal einen Ort, an dem sie ausgebildet werden. Sie fühlen sich klein und machen sich größer, mit der billigsten Kulturdroge, Pop. Das macht Spaß, da hilft kein Jandl und keine Caritas. Take care of your hearts.

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