Kultur : Störung des Auges

Der Amerikaner Michael Fried vertieft sich in Adolph Menzels Kunst und zeigt seine Modernität

Bernhard Schulz

Gemeinhin wird die Kunst Adolph Menzels (1815–1905) unter die Rubrik „Realismus“ gefasst. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Menzel Objekte und Szenen so dargestellt hat, wie sie das menschliche Auge gewöhnlich wahrnimmt. Doch fällt auf, dass Menzels Kunst in den großen Diskursen der Kunstwissenschaft über den Realismus jedenfalls international kaum vorkommt. Das hat seinen Grund auch, aber nicht nur, in der geringen Anzahl von Werken aus der Hand Menzels, die ausländische Museen besitzen. Es liegt zugleich auch an der Vernachlässigung der deutschen Kunst, was die Untersuchungen zur Moderne und ihrer Entstehung anlangt. Dort dominiert unangefochten das Beispiel Frankreichs, von Courbet bis zum Impressionismus, der besonders an den Universitäten der Vereinigten Staaten seit jeher in höchster Forschungsblüte steht.

In diese Phalanx eingebrochen ist der in Baltimore lehrende Amerikaner Michael Fried. Nach Studien zu Gustave Courbet und dem großen amerikanischen Realisten Thomas Eakins legte er vor fünf Jahren ein umfangreiches Buch vor, das soeben in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Menzels Realismus. Kunst und Verkörperung im Berlin des 19. Jahrhunderts“ erschienen ist. Zwar ist der Autor wissenschaftlich schon weitergezogen; am heutigen Abend hält er im Berliner Wissenschaftskolleg einen Vortrag zu Caravaggio (20 Uhr). Doch das Buch wird seine Wirkung hierzulande noch entfalten, wo der Vergleich der lange Zeit als allzu preußisch-regional missverstandenen Kunst Menzels mit der Gesamtheit der Kunst des 19. Jahrhunderts durchaus noch intensiverer Beschäftigung harrt.

Fried vergleicht denn auch Menzel mit Courbet – nebenbei der Erfinder des Begriffs „Réalisme“ – und dem hierzulande kaum bekannten Thomas Eakins. Bei allen dreien hebt er die intensive Selbstreflexion des Künstlerberufs hervor, wiewohl sie am umfassendsten in Bildern vollzogen wird, die keine Selbstporträts sind. Die Durchdringung des Künstlerischen in der Darstellung alltäglicher Szenen zeigt Fried gerade bei Menzels Zeichnungen. Das unaufhebbare Dilemma zwischen der Genauigkeit, die Menzel mit seinem „einfühlenden Sehen“ jedem noch so kleinen Detail angedeihen lässt, und dem Gesamteindruck, das der Betrachter nur bei Verzicht auf ebendiese Details gewinnen kann, wird gleich zu Eingang des Buches an der scheinbar beiläufigen Zeichnung von „Dr. Puhlmanns Bücherregal“ von 1844 erklärt. Fried weist auf die Undeutlichkeit der Einzelheiten ungeachtet des Eindrucks sorgfältigster Wirklichkeitswiedergabe hin. Seinen Höhepunkt erfährt dieser Widerspruch – für Fried zugleich der Grundwiderspruch zwischen den „Systemen“ Zeichnen/Schreiben und Malen – in Menzels programmatischem Gemälde „Das Eisenwalzwerk“ von 1875, bei dem nicht der Gesamteindruck einer zeitgenössischen Fabrik haften bleibt, sondern das Disparate der Figuren, ja die Verunklarung des zentralen Vorgangs, den Fried als „Störung des Sehens“ charakterisiert.

Es steckt eine ungeheure Forschungs-, ja mehr noch Beobachtungsleistung in diesem Buch. Fried hat sich die einzelnen Bilder und Blätter Menzels mit einer Gründlichkeit angesehen, die dessen Lebensmotto „Alles Zeichnen ist gut, Alles zeichnen ist besser“ entspricht. Die vielen Vor- und Rücksprünge der Argumentation machen die Lektüre nicht eben einfach. Es ist ein hartes Brot, das Fried da kaut. Der Leser muss sich in Menzels Werke buchstäblich hineinlesen – um dann wieder aus dem Anekdotischen und Kleinteiligen, das Menzel oft herabsetzend nachgesagt wurde, herauszufinden und zu seiner Modernität vorzudringen. Sie besteht darin, das Sehen selbst, die Wahrnehmung der Wirklichkeit zum Problem gemacht zu haben – in Bildern, in die uns der Künstler beinahe körperlich hineinzieht.

Michael Fried: Menzels Realismus. Aus dem Englischen von Heinz Jatho. Wilhelm Fink Verlag, München 2008. 344 Seiten, zahlr. Abb., 39,90 €.

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