Kultur : Stoff der Schönheit

Gewebte Bilder: Eine Londoner Ausstellung zeigt Henri Matisse

Bernhard Schulz

„Kunst muss vor allem dekorativ sein“, hat Matisse einmal gesagt. Bei ihm hat eine solche Auffassung, die doch konträr zur Moderne schlechthin zu stehen scheint, einen biografischen Hintergrund. Henri Matisse wurde 1869 in einem Hauptort der nordfranzösischen Textilindustrie geboren und war, bis er 1891 nach Paris aufbrach, von bunten Stoffen aller Art umgeben, von kräftigen Farben und gewagten Mustern. Mit der Kunst hingegen kam er vergleichsweise erst spät, als Heranwachsender, in Berührung; wahrscheinlich hat er vor seinem 18. Lebensjahr nicht ein einziges Ölgemälde gesehen. Textilien blieben seine große Passion; bereits als Kunststudent sammelte er Stofffetzen, später dann Stoffe und Textilien aller Herren Länder.

Das ist bekannt; aber der Mühe, seine Gemälde und die darin doch so oft vorkommenden, ja vielfach dominierenden Stoffe einmal zusammenzubringen, hatte sich bislang kein Museum unterzogen. Das Musée Matisse seiner Heimatstadt Le Cateau-Cambrésis hat es getan, und nun ist die vorzügliche Ausstellung in der Londoner Royal Academy zu sehen, ehe sie im New Yorker Metropolitan Museum ihren Abschluss findet.

Der Blick fällt gleich im ersten Raum auf hochkarätige Leihgaben: das „Stilleben mit blauem Tischtuch“ von 1909 und das „Sevilla-Stilleben“ von 1911, die beide aus der Petersburger Eremitage kommen. Leider übergehen die Katalogeinträge zu den beiden Werken die Provenienz aus der Sammlung des Moskauer Magnaten Sergeij Schtschukin, der – selbst Herrscher eines Textil-Imperiums – doch der bedeutendste Matisse-Sammler der Frühzeit war. Schtschukin besaß schließlich nicht weniger als 37 Gemälde von dem Franzosen, darunter die beiden direkt in Auftrag gegebenen Gemälde „Die Musik“ und „Der Tanz“. Intuitiv versteht man vor den farbstrotzenden Bildern in London, warum die Pariser Kritiker schockiert, die russischen Avantgarde-Sammler hingegen begeistert waren. Matisse schöpft aus der gleichen Quelle der „unbewussten“ Volks-Kunst wie seine russischen Zeitgenossen Larionow oder Gontscharowa. Die Bilder sind genau so, wie Matisse die Kunst verstand: dekorativ.

Hier wie bei vielen anderen Exponaten der Ausstellung ist das textile Vorbild – oder in manchen Fällen zumindest ein ähnlicher Entwurf – nahe den Bildern zu sehen und zu vergleichen. Es erstaunt, wie viele Belege das nordfranzösische Museum zusammengetragen hat. Und es verblüfft, wie Matisse es vermochte, die Gegenständlichkeit eines Tuchs oder Kleids in seine eigene, Abstraktion und Abbildhaftigkeit verschmelzende Bildauffassung zu übersetzen. Das textile Muster erscheint im Bild meist als die abstrakte Folie, vor der sich Stillleben oder Figuren nicht wirklich abheben, sondern vielmehr in den ornamentalen Flächengrund eingebunden bleiben. Sehr schön ist das an den Porträts der dreißiger Jahre zu beobachten – souveräne Vexierbilder von gestaltloser Farbigkeit wie zugleich gestalteter Wiedergabe, je nachdem, welchen Bildteil der Betrachter aus der Nähe sieht.

Darin gleichen die Gemälde dem Vorbild des Textils, das jeweils plane Fläche oder aber dreidimensionales Objekt sein kann. Matisse hat diesen Effekt wieder und wieder gemalt – und sich zugleich in einer ganz unmittelbaren Weise an den wunderbar vielfältigen Mustern und Farben begeistert, die ihm Textilien zumal aus außereuropäischen Ländern bescherten. Das waren zunächst marokkanische Kleidungsstücke; später dann solche aus Kuba oder dem Kongo. Als Matisse im Alter keinen Pinsel mehr halten konnte und stattdessen mit der Schere das wunderbare Spätwerk der papiers découpées schuf, gewann er Anregungen aus ägyptischen Wandbehängen des 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung öffnet die Augen dafür, dass Matisse mit diesem Spätwerk an seine Ursprünge zurückkehrte: Denn was wären die starkfarbigen Scherenschnitte anderes als Stoffentwürfe?

So ist die Ausstellung tatsächlich die viel zitierte „Schule des Sehens“: weil sie unmittelbar verdeutlicht, wie aus vorgefundener Wirklichkeit Kunst wird. Kunst, die sich nicht scheut, einfach nur schön zu sein.

London, Royal Academy, Piccadilly, bis 30. Mai, Katalog 212 S., 21,95 Pfund.

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