Kultur : Stoffel und Streber

Kerstin Decker

An einem kleinen Tisch sitzt in einem sehr kleinen Raum ein sehr großer Mann. Der Raum gehört zum Kulturhaus Pankow, der Mann gehört zum Brandenburger Verfassungsgericht und ab jetzt auch irgendwie zur PDS. In Sachsen haben sie ihn gerade als PDS-Kandidaten für die Bundestagswahl aufgestellt. Außerdem ist Florian Havemann der Sohn Robert Havemanns, aber das Dissidenten-Sohn-Sein ist keine Lebensstellung. Das hat F. H. schon als Kind gemerkt und wurde der Privat-Dissident seines Vaters: ein richtiger DDR-68er. Aber auch das kann man nicht immer bleiben. Florian Havemann wurde Elektriker, Maler, Musiker, Komponist, Putzmann, Schauspieler und Bühnenbildner. Aber eigentlich ist er doch: Theaterautor. Ein Stückeschreiber. Havemanns "Speer-Projekt" allerdings wollte keiner aufführen, und seine "Rosa Luxemburg" auch nicht. Havemann hat sie schließlich mit Kindern einer Berliner Schule inszeniert, denn er ist auch Regisseur.

Wer sagt, dass man Theaterstücke spielen muss? Man kann sie auch vorlesen. Havemann hat das kultiviert. Mal liest er allein, mal mit Schauspielern. Im Kulturhaus Pankow liest er allein sein neues Stück. "Der Kandidat", das erste von zehn geplanten Politiker-Dramen. Havemann lächelt. Er mag sein Stück wirklich. Er spricht alle drei Hauptrollen und die Nebenrollen dazu. Stoffel, Streber und Stoffels Frau sind die Hauptrollen. Stoffel ist ein kleiner Teppichhändler aus Berlin, der Bürgermeister werden soll. Streber kommt aus dem Süden des Landes, einer Art Gegen-Berlin, ist wie Stoffel in der CPU (Christlich Populäre Union) und hilft Stoffel ein bisschen beim Bürgermeister-Werden. Da hat Streber plötzlich eine Torte im Gesicht, Stoffel ist rechtzeitig hinter Streber in Deckung gegangen. Stoffel fährt zu Streber nach München und erklärt Strebers Stadt - Torten-Wiedergutmachung! - zur allerschönsten Deutschlands. Später korrigiert er sich in Regensburg. Zu spät.

"Der Kandidat" von Florian Havemann ist ein höchst launiges Stück, Ähnlichkeiten mit Personen und Geschehnissen des wirklichen Lebens sind nicht zufällig, beanspruchen aber alle Freiheit der Kunst. Sagt Havemann. Sein nächstes Stück über Gregor Gysi trägt den Arbeitstitel "Der Demagoge". Nein, politisch korrekt kann auch der PDS-Kandidat Florian Havemann nicht denken. Denken ist per se ein Akt der Inkorrektheit.

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