Kultur : Stoibers Kandidatur: Bloß nicht wie sein Meister

Peter Siebenmorgen

Ein Brief wie der des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz flattert selten auf den Schreibtisch des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden. Aber der Kardinal, der mit politischen, erst Recht parteipolitischen Handreichungen eigentlich äußerst zurückhaltend ist, glaubte, keine andere Wahl mehr zu haben - angesichts des Tag für Tag schärfer werdenden Streits um den gemeinsamen Kanzlerkandidaten der beiden C-Parteien. Und so greift er zum Stift: "Die Auseinandersetzungen der Christlich Sozialen Union und der Christlich Demokratischen Union machen auch die Bischöfe und viele Christen in unserem Land äußerst besorgt. Seit langem werde ich, zunehmend in den letzten Tagen, bedrängt, den Unionsparteien die Vermittlung der Kirche anzubieten." Dieser Vorschlag werde auch von dem Vorsitzenden der Bayerischen Bischofskonferenz unterstützt. Die Vergeblichkeit dieses Vermittlungsversuchs ahnend, endet der Brief nicht nur mit "herzlichen Segenswünschen", sondern auch mit dem Bekenntnis: "Gerade in diesen Tagen flehe ich um die Gaben des Heiligen Geistes, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden."

Das war im Juni 1979, im Streit um die Kanzlerkandidatur von Strauß. Auch damals standen sich die Protagonisten der beiden Unionsparteien unversöhnlich gegenüber - eine einvernehmliche Lösung war nicht zu erzielen: Keine Mehrheit in der CDU, aber doch zu viele wichtige Exponenten, als dass ein freundschaftliches Miteinander möglich gewesen wäre, lehnten Franz Josef Strauß ab. Umgekehrt war der Druck aus den eigenen Reihen in der CSU zu groß geworden, als dass noch ein Verzicht von Strauß in Frage gekommen wäre. So kam es, wie es kommen musste: keine Konsenslösung, sondern Kandidatenfindung durch Abstimmung im einzig gemeinsamen Gremium beider Unionsparteien, der Bundestagsfraktion.

Und nach dem Vorliegen des Ergebnisses brach nicht Ruhe und Friede zwischen den Schwesterparteien aus, sondern der Krieg ging unvermindert weiter. Kaum war Strauß nominiert, meldete sich jeder aus der CDU, der krähen konnte, um die Bedingungen seiner Unterstützung für Strauß zu diktieren: Die Sozialausschüsse zuerst, dann die Junge Union, prominente Bundespolitiker, Teile der norddeutschen Landesverbände - und nicht zuletzt immer wieder Heiner Geißler, der CDU-Generalsekretär.

Nach dem Sieg ist vor der Niederlage

Der, der all diese Ansinnen abzuwehren hatte, war in erster Linie nicht etwa Strauß selbst, sondern dessen Generalsekretär Edmund Stoiber. Berge von scharfen Briefen und hitzigen Telgrammen, die zwischen dem Tag der Kandidatenfindung und der über ein Jahr später erst ausgetragenen Bundestagswahl von und nach München gingen, liegen in den Archiven. Und wer sie heute, aus dem Abstand von über 20 Jahren liest, kann plötzlich verstehen, wovor sich Stoiber - leiderfahren aus der Strauß-Kampagne - fürchtet: Nach dem Sieg ist vor der Niederlage, wenn nicht alle Kräfte der Union ihren Spitzenmann rückhaltlos unterstützen.

Edmund Stoiber kann sich viel sicherer sein als es seinerzeit sein politischer Ziehvater war, die Mehrheit in einer Kampfabstimmung zu erlangen. Aber die dann folgenden Probleme würden sich wahrscheinlich, wenn auch aufgrund der kurzen Zeit bis zur Wahl in gedrängter Form, fast allesamt wiederholen. Und in einer Hinsicht wären sie sogar noch schärfer: Denn damals hatte der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl es wohl vermieden, selbst die Niederlage im Kandidatenkrieg einzustecken; er schickte den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zum Verlieren vor.

So konnte Strauß wenigstens auf einen unangefochtenen Vorsitzenden der größeren Schwesterpartei bauen. Heute aber ist seine Konkurrentin die Vorsitzende der CDU selbst; ihre Niederlage in einer offenen Abstimmung würde die Position des Siegers daher ungleich schlechter erscheinen lassen.

Kohl wurde Kandidat

Anders lagen die Dinge 1975/76. Auch damals wollte die CSU Strauß als Kanzlerkandidaten durchsetzen. Doch Strauß war klug genug gewesen, einzusehen, dass seine Nominierung anders als im Einvernehmen eben jene Folgen haben würde, die er dann vier Jahre später billigend in Kauf nahm. Seinen Anspruch zog er 1975 zwar nicht zurück, die CSU beharrte sogar in einem Kommunique darauf, eigentlich über den besseren Kandidaten zu verfügen. Im Interesse der Einheit der Union und der gemeinsamen Sache verzichtete er aber darauf, seine Ambitionen durchzufechten und anerkannte das Übergewicht der großen CDU gegenüber der bayerischen CSU. So wurde Helmut Kohl der Herausforderer von Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Welches der beiden Szenarien sich 2002 in Variationen wiederholt, ist immer noch völlig offen; Stoiber ist nach wie vor unentschieden, ob er für sich das aus nächster Nähe beobachtete Wagnis von 1980 eingehen soll. In einem hat er jedenfalls gelernt und sich fortentwickelt: Weder ist er in der deutschen Innenpolitik jener große Polarisierer, der Strauß war, noch ist er mehr der Edmund Stoiber früherer Tage, der als blondes Fallbeil und scharfe Exekutor von Strauß große Teile der bürgerlichen Öffentlichkeit - den politischen Gegner ohnedies - fast ebenso heftig und hochemotional aufgeladen abgestoßen hat wie sein Herr. Er weiß und hat dies verinnerlicht, dass Strauß auf große Ablehnung nicht etwa dadurch traf, weil er Bayer gewesen ist, sondern weil Strauß Strauß war.

Seitdem Stoiber nicht mehr so sein will wie sein einstiger Lehrmeister, reduziert sich der Widerstand gegen ihn als Kanzlerkandidat in der CDU fast nur noch darauf, dass er von der kleineren Schwesterpartei kommt. In dieser, nur in dieser Hinsicht hat es heute einer schwer, Kanzler oder wenigstens doch Kandidat zu werden, wenn er aus Bayern kommt.

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