Kultur : Stollen und Splatter

Silvia Hallensleben

Ein einsam romantischer Stadtspaziergang ist vielleicht die exklusivste Heiligabend-Variante für diejenigen, die – verwandtschaftlicher Pflichten ledig – diesen Sonnabend nach eigenem Gusto gestalten dürfen. Nach wochenlangem Gedrängel hat man die Gehwege fast für sich allein, ja selbst auf den Touristenmeilen lässt sich richtig ausschreiten. Da kommt innerer Friede auf, doch irgendwann auch Kälte – und damit womöglich die Idee, dem Ausflug mit einem Kinobesuch den Glanzpunkt aufzusetzen.

Doch Vorsicht! Wer unbedacht sein cineastisches Stammlokal ansteuert, dürfte vor verschlossenen Türen stehen: Neben Arsenal, Bali, Filmkunst 66, Krokodil und Nickelodeon haben auch viele andere Kinos den Betrieb ganz oder teilweise eingestellt. Nur die fleißigen Brotfabrikarbeiter halten sich mit der animierten japanischen John-Ford-Adaption Tokyo Godfathers und dem eher anti-weihnachtlich geratenen Warum Ulli sich am Weihnachtsabend umbringen wollte stoisch an ihr reguläres Programm. Die Eva-Lichtspiele haben dagegen den Cineasten-Klassiker Cinema Paradiso exklusiv für den Heiligen Abend bei sich aufgenommen, Grund genug für einen Abstecher in die Blissestraße. Auch schon längst klassisch ist die Heilige Sneak-Preview-Nacht , die seit nunmehr dreizehn Jahren in allen fünf Sälen des Filmtheaters am Friedrichshain Previews von Arthouse-Premieren vorstellt. Reservieren kann man sich sein kulturell abgefedertes Einsamkeitsvertreibungsticket unter Telefon 428 451 88, im Eintrittspreis von 23 Euro ist sogar ein Büfett inbegriffen.

Nachahmer hat die beliebte Veranstaltung jetzt im Babylon Mitte gefunden. Das Saal-Hopping allerdings dürfte hier wegen des etwas umständlichen Außenumwegs zwischen auch nur zwei Sälen nicht ganz so viel Vergnügen bereiten. Dafür gibt der ost-denglische Titel schwer zu denken: Präsent 24 = X-mas Sneaks! heißt das Vorhaben laut Homepage. „Präsent 20“ war das 1969 den DDR-Konsumenten zum glatten Geburtstag der Republik kredenzte Trevira für Stores und Rock. Aber warum daneben das amerikanisierende „X-mas Sneaks!“? Raffinierte Kulturkritik?

Rätsel über Rätsel: Immerhin gelangen – wie im Friedrichshain – so genannte Arthouse-Produktionen zur Aufführung, entweder in Original- oder OmU-Fassung. Gegen die babylonische Sprachlust kommt das Nachmittagsprogramm im Regenbogenkino fast beschämend schlicht daher, nur das Christkind wurde auch hier durch den US-Import ersetzt: Wir warten auf den Weihnachtsmann heißt das Kurzfilmprogramm für Kinder ab sechs Jahren, das die unendliche Zeit zwischen Mittagessen und Bescherung überbrücken soll. Spätestens nach dem ersten Pfund Dominosteine und der „Weihnachtsgans Auguste“ dürfte es auch erwachsenen Weihnachtsfans in Sachen Süßkram reichen. Also schnell den Babysitter für Sonntag organisiert. Das ist zwar der erste Weihnachtstag. Doch lässt sich – ebenfalls im Babylon-Mitte – schon hier mit „King Kong“-Peter Jacksons Zombie-Komödie Braindead (1992) als Rachenputzer zuckergussfrei auschillen. Vorsicht: Für Zimperliche ist dieses blut- und ekelfleischpralle Splatterstück nicht geeignet.

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