Kultur : Stolpern wie die kleinen Kinder

Spiele eines Aphoristikers: Hommage an den Komponisten György Kurtág in Neuhardenberg

Gregor Dotzauer

Stellen wir uns einen Mann vor, der alles über Musik weiß, was sich darüber in achtzig Lebensjahren nur lernen lässt. Als Komponist kann er einen Geiger dazu bringen, mit Hilfe des Bogens einen fahlen Flageolettton in die Luft zu zaubern, und ihm gleichzeitig mit der linken Hand ein Pizzicato abverlangen. Als Ungar kennt er die hackbrettartigen Eingeweide eines Cimbaloms und die Farben, die es der zeitgenössischen Musik verleiht. Und als Pianist ist er vertraut mit dem großen Orchester, das zehn armselige Finger aus dem Inneren eines Flügels aufmarschieren lassen können.

Aber jetzt, auf der Bühne der Schinkel-Kirche in Neuhardenberg, vergisst György Kurtág, der ohnehin zum Reduzieren und Konzentrieren neigt, auf einmal alles. Im Stand der Unschuld sitzt er vor einem aufgeklappten Steinway und besieht sich, wie dieses Riesending seine Zähne fletscht, als hätte er nicht die geringste Ahnung, wie damit umzugehen wäre. Schließlich streichelt er mit der Rechten zaghaft die Tasten, erst die weißen, dann die schwarzen, tonauf und tonabwärts, fasst Mut, greift Raum, nimmt die Linke zu Hilfe, das Rieseln der Sekundintervalle schwillt an zu einem mächtigen Gewoge vom einen Ende des Instruments zum anderen, kleine Wellen kräuseln sich dazwischen, immer weiter durchkämmt er die Tastatur und findet nicht einen Misston.

Einen ganzen Abend könnte man zuhören, wie György Kurtág etwas scheinbar Mechanisches in Musik verwandelt, man würde sich am liebsten wasserpflanzenhaft mitwiegen in seinen pianistischen Strömungen. Doch nach den drei Minuten von „Perpetuum mobile (objet trouvé)“ sitzt schon wieder seine Frau Márta mit am Flügel, beider Arme verschlingen sich für die Skizze „Blumen die Menschen“ wie die hingetupften Töne, bis es mit dieser Innigkeit vorbei ist und ein handfester „Zank“ zwischen den Ehelauten ausbricht. Drei hart in die Tastatur gekantete Töne von ihr, drei von ihm: Auf jedes „So und nicht anders“ folgt ein „So und eben doch anders“.

„Játékok – Spiele“ heißt der inzwischen rund hundert Stücke umfassende Zyklus, der die Möglichkeiten des Klaviers wie aus einer Kinderperspektive erforscht und zu dem auch eine Reihe von Bach-Transkriptionen für vier Hände gehört. Wie viel Gestisch-Theatralisches Kurtágs Musik transportiert, begreift erst, wer das Glück hat, das Ehepaar Kurtág, das 2007 sechzig Jahre miteinander verheiratet sein wird, bei einem ihrer Auftritte zu erleben: er mitzitternd bei jedem rhythmischen Akzent, den sie bei ihren Solostücken setzt, sie eine ebenso so demütige wie willensstarke Partnerin.

Bei der zweitägigen Hommage an Kurtág zu Ehren seines 80. Geburtstags (Tagesspiegel vom 19. 2.), die am Wochenende mit Widmungs-Uraufführungen von Adriana Hölszky und Péter Eötvös auf Schloss Neuhardenberg stattfand, waren die „Játékok“ sicher der Höhepunkt – auch wenn mit Kurtágs der Geigerin Hiromi Kikuchi gewidmeten und von ihr aufgeführten „Hipartita“ (2005) für Violine solo eine der wichtigsten neuen Kompositionen aus jüngster Zeit auf dem Programm stand. Neun Notenständer, über die die Partitur ausgebreitet war, wanderte sie ab, von links nach rechts – und durchschritt dabei alle klanglichen Abstufungen vom Geräuschhaften, Zerklüfteten, Aggressiven, bis zum kaum noch Hörbaren. Es sind dies keine Kataloge technischer Möglichkeiten. Die Vielfalt der Spielweisen resultiert auch aus Kurtágs Angst vor der Wiederholung und der Sehnsucht nach Verknappung, wie man sie bei Webern findet und die er, jenseits des bewunderten Béla Bártok, in ein eigenes Idiom überführt hat.

Für Kurtág selbst standen wohl eher die vokalen Werke im Mittelpunkt: die Auswahl aus Stücken nach Texten aus Lichtenbergs Sudelbüchern (op. 37a) in einer Bearbeitung für Sopran (Salome Kammer) und Kontrabass (Matthew McDonald) sowie die Kafka-Fragmente op. 24 für Sopran (wieder Kammer) und Violine (Carolin Widmann). Diese einsam zweisamen Begegnungen von Stimme und Instrument haben mit der Gattung Lied nicht viel zu tun. Sie leben nicht vom Gesanglichen, sondern vom gemeinsamen Versuch, sich in den Dienst einer Klangrede zu stellen, in der es auf den Sinn der Worte ankommt – weshalb Textverständlichkeit Kurtág ein besonderes Anliegen ist. Es sind Verneigungen eines großen Lesers vor der Literatur: aus der Schrift befreit in eine laute Lektüre durch die Musik, der Text eingeschlossen in klangliches Bernstein, die Pointen auf der Geige zugefeilt, auf dem Kontrabass zersägt und manchmal einfach nur illustriert.

Der aphoristische Duktus entspricht dabei Kurtágs stockendem Stil. Eine Kafka-Passage (In memoriam János Pilizinsky) liest sich wie eine Selbstbeschreibung: „Ich kann … nicht eigentlich erzählen, ja fast nicht einmal reden; wenn ich erzähle, habe ich meistens ein Gefühl, wie es kleine Kinder haben könnten, die die ersten Gehversuche machen.“ Man muss sich Kurtág in seiner seelischen Ausstattung überhaupt als Kafka’sche Persönlichkeit denken, deren Denken um Schuld und Erlösung kreist.

Ein Schatten fiel auf das Geburtstagsfest, dem das aus vier jungen Streicherinnen bestehende Berliner Athena Quartett nicht nur mit Mozarts „Dissonanzen“-Quartett zusätzlich Glanzlichter aufsetzte, nur durch das Fehlen eines engen Freundes: des drei Jahre älteren György Ligeti. Während er noch auf dem Sterbebett lag, spielte der Pianist Gábor Csalog Ligeti zu Ehren einige von dessen Etüden. Nun ist sein Tod Gewissheit.

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