Kultur : Stolz statt Schande

Eine

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über Sibel Kekilli von Jan SchulzOjala

Es ist eine kleine Nachricht wie andere – und sie könnte doch Heimkehr, Versöhnung und Durchbruch zugleich bedeuten. Die Schauspielerin Sibel Kekilli hat beim Festival im türkischen Antalya für ihre Hauptrolle in einem ganz und gar türkischen Film einen Preis bekommen. In Ömer Ugurs „Eve Dönüs“ (Heimkehr) spielt sie eine Arbeiterin während des Militärputschs von 1980 – und die Jury unter der Vorsitzenden Beki Probst hat sie dafür als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Beki Probst ist seit vielen Jahren verantwortlich für den Filmmarkt der Berlinale, und damit schließt sich ein Kreis. Mit dem skandalumwitterten Berlinale-Triumph um Fatih Akins „Gegen die Wand“ 2004 begann Kekillis Karriere und ein erster Preisregen für die Schauspielerin, und mit der neuen Ehrung ist sie ganz im Weltkino angekommen. Im deutschen wird sie ohnehin bald wieder zu sehen sein – in Hans Steinbichlers „Winterreise“ (Start 23. 11.) und Joseph Vilsmaiers „Der letzte Zug“ (9. 11.), in dem sie eine Berliner Jüdin spielt.

Eine Heilung womöglich bedeutet die Personalie zudem – machte Sibel Kekilli doch nach ihrer hämischen „Bild“-Enttarnung als vormaliger Pornodarstellerin überwiegend mit beherzter juristischer Gegenwehr gegen die Kampagne und vor allem ihrem verzweifelten Aufschrei bei der „Bambi“-Preisverleihung vor zwei Jahren von sich reden. Es war das bloß sensationslüsterne Deutschland, das damals sein Opfer durch die Jauche zog und ein anderes, das sie in Schutz nahm – in der Türkei war das Echo auf die Enthüllung weitaus verhaltener. Vielleicht auch, weil Sibel Kekillis Tabubruch in einer ethisch wesentlich strenger geregelten Welt insgeheim als Befreiungstat gedeutet wurde, was schon ihrem unbändigen Agieren in „Gegen die Wand“ entsprach; nicht bloß als Material für den doppelmoralischen Medienschabernack unserer Laisser-faire-Gesellschaft.

Man erinnert sich auch, dass die Eltern damals den Kontakt zu Sibel Kekilli abbrachen. Ob sich daran etwas geändert hat? Wir haben es nicht recherchiert. Aber zu wünschen wäre solche Versöhnung, abseits vom Stolz, den so ein Preis mit sich bringen kann – ob in Deutschland oder, fern und nah, in der Türkei.

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