Kultur : Stolze Stadt

Die Londoner Nationalgalerie würdigt die Renaissancekunst von Siena

Matthias Thibaut

Zum ersten Mal seit 500 Jahren hat die heilige Katharina ihre Altarnische in Sienas Oratorium der hl. Katharina verlassen, um sich in der Londoner Nationalgalerie einem kritischen Museumspublikum zu stellen. Ein riskanter Ausflug. Nicht nur muss Sienas Gänseviertel, die Nobile Contrada dell’Oca, auf seine Schutzpatronin verzichten. Die farbig gefasste Holzfigur des Neroccio di Bartolomeo de’ Landi (1447–1500), die jahrhundertelang Objekt enthusiastischer Volksverehrung war und in Siena die Rennpferde segnete, soll nun mit fast 120 anderen Kunstwerken aus aller Welt beweisen, dass die Kunst der sienesischen Renaissance zu Unrecht vergessen wurde.

Zum ersten Mal dokumentiert eine Ausstellung den künstlerischen Umweg, mit dem Siena zur Renaissancekunst fand. Wir lieben die Stadt für ihre unangetasteten mittelalterlichen Gemäuer, die elegante, goldglänzende Frömmigkeit der Trecento-Maler wie Duccio und Simone Martini. Was später kam, liegt im Schatten von Florenz. Für viele hört Sienas Kunst mit der Pest von 1348 auf. Jakob Burckhardt, der Begründer der Renaissanceforschung, beschreibt die Stadt des späten 15. Jahrhunderts als „charakterlose Halbtyrannei, kaum der näheren Betrachtung wert“. Das galt dem Lokaltyrannen Pandolfo Petrucci, der 1487 die Macht übernahm. Die Sienesen nannten ihn, wie die Florentiner ihren Lorenzo Medici, „Il Magnifico“. Nur dass Pandolfo heute sogar in seiner eigenen Stadt beinahe vergessen ist.

Es ist die Epoche von Leonardo, Michelangelo und Raffael, und natürlich kann Siena dem nichts entgegensetzen. Die Ausstellung zeigt nicht, dass Sienas Kunst besser, sondern dass sie anders war, geprägt „nicht von individuellem Kunststreben, sondern dem Begriff, den die Stadt von sich selber hat“, wie Kurator Luke Syson erklärt . In seinem provinziellen Stolz bringt Siena eine träumerisch-verzückte Kunst hervor, die zwischen Konservatismus und Fortschrittslust schwebt und die neue Vernunft der Renaissance noch einmal mit leichter Märchenhaftigkeit erfüllt.

Francesco di Giorgio Martini (1439–1501) war eines jener Renaissancegenies, die morgens Kriegsmaschinen bauten und abends Marienbilder malten. Er verstand die Zentralperspektive und bringt doch in einer Marienverkündigung jede Raumillusion übermütig wieder durcheinander. Das Engelsorchester im Asciano-Altar von Matteo di Giovanni (1428–1509), der hier nach Jahrhunderten erstmals wieder zusammengeführt wird, könnte von Botticelli stammen. Die übergroße Gottesmutter auf goldenem Grund hat die ganze Jenseitsmystik der alten Malerei.

In der Dekoration des Palazzo Spanocchi werden Tugendbeispiele aus der Antike in derArt von Heiligenmalerei dargestellt. Acht Tafeln aus acht Museen, zum ersten Mal seit mindestens 200 Jahren wieder beisammen, bilden einen exzentrischen Reigen graziler, femininer Helden in tänzerischem Kontrapost.

Im nächsten Saal dringen wir in die „camera bella“ Pandolfos vor, andeutungsweise rekonstruiert mit Majolikafliesen, geschnitzten Holzpilastern und drei abgenommenen Fresken: Zwei stammen von Luca Signorelli, das dritte von dem Umbrier Pinturicchio, der, mit dem jungen Raffael als Helfer, die Piccolomini-Kapelle im Dom von Siena mit solcher Pracht ausmalte, dass man in Florenz ob solcher Übertreibung die Nase rümpfte.

So kommt die Ausstellung in den Blütejahren an, in denen die großen sienesischen Freskenzyklen entstehen – im Baptisterium unterm Dom, im Oratorio San Bernardino, wo sich Il Sodoma und Domenico Beccafumi (1484–1551) einen Malerwettstreit lieferten, im Palazzo Publico, wo Beccafumis Freskenzyklus im Konsistoriensaal das letzte große Werk der Republik ist, bevor die Florentiner die Stadt übernehmen.

Auch in London hat Beccafumi das letzte Wort. Seiner träumerisch gehauchten Malerei mit ihren elektrisierenden Farben ist ein letzter, großer Raum gewidmet. Als wolle er Jahrhunderte der Kunstgeschichte in einem ekstatischen Moment zusammenzwingen, treibt er aus dem Geist der sienesischen Provinzkunst einen hohen, von der Farbigkeit der Sixtinischen Kapelle beflügelten Stil heraus. Sechs Tafeln aus einem Schlafzimmer der Familie Petrucci, zum ersten Mal seit über 400 Jahren vereint, führen in eine Antikenwelt voll orphischer Ekstase. Seine Madonna aus der Madrider Sammlung Thyssen-Bornemisza leuchtet neonblau und apfelgrün – wie heutzutage eine Lightbox von Bill Viola.

London, National Gallery, bis 13. Jan.

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