Kultur : Stolzer Schnauzer

Die Migrationskomödie „Pauschalreise“ im Ballhaus Naunynstraße

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Ohne Kompass nach Deutschland. Szene mit Cidem Topbas, Duygu Sebnem Ince und Kader Arslan. Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Ohne Kompass nach Deutschland. Szene mit Cidem Topbas, Duygu Sebnem Ince und Kader Arslan. Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Die Szene heißt „Konversation mit dem Opa“. Der Schauplatz: eine Parkbank auf wattig-weißem Grund, im Hintergrund ist ein blauer Himmel gespannt. Ein Wolkenkuckucksheim hoch über dem Boden der BRD-Realität, in dem sich Großvater und Enkelin begegnen. „Ach Opa“, schwärmt das Mädchen, „dieses Land hat dich nicht vergiften können, du trägst noch stolz deinen Schnurrbart!“ Sie will Geschichten hören aus der anatolischen Heimat, die nach Köfte, Feigen und Fernweh riechen, Anekdoten mit Schnauz. Bloß hat der Alte keine Lust darauf. Der schwört als Laubenpieper auf Buletten, hat Kegelpartner und Swingercluberfahrung. Sein einziger Rat an die Enkelin stammt aus dem Apothekenkalender: „Mädchen, geh, wohin dich dein Herz führt.“

„Pauschalreise – Die 1. Generation“ heißt die Inszenierung von Lukas Langhoff, mit der das Ballhaus Naunynstraße seine Spielzeit und zugleich das Festival „Almanci – 50 Jahre Scheinehe“ eröffnet. Gefeiert wird das Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei von 1961, dessen Folgen wir heute als Krampf der Kulturen bestaunen. „Pauschalreise“ ist eine Produktion der hauseigenen „Akademie der Autodidakten“, mit der die schmal budgetierte Kreuzberger Bühne Laien ans Theater bringt.

Sie führen am Ballhaus nach wie vor „Trabi auf Formel-1-Strecken“, sagt zum Auftakt die künstlerische Leiterin Shermin Langhoff, hinter der eine Saison mit dem Sensationshit „Verrücktes Blut“ liegt – und es ist keine Koketterie.

Klar, es liegen hohe Erwartungen auf dieser Premiere, mit der Lukas Langhoff seine Generationentrilogie vollendet. In „Klassentreffen – Die 2. Generation“ hat er gezeigt, dass migrantische Erfolgsgeschichten viel spannender sein können als die ewigen Ehrenmorde, unter anderem mit dem Grünen-Politiker Özcan Mutlu auf der Bühne, der sich in der Zwischenzeit ja leider zum Hanscurrywurst gemacht hat. In „Ferienlager – Die 3. Generation“ versammelte Langhoff Jugendliche mit Emotionshintergrund, deren hormonbefeuerte Träumereien ebenfalls aufs Frischeste die gängige Problem-Perspektive unterliefen. Mit der „Pauschalreise“ wollte der Regisseur nun wiederum aus dem Erfahrungsschatz seiner Protagonisten schöpfen und Geschichten jenseits der Klischees spinnen: Gibt es ein Utopia für jene, die als sogenannte Gastarbeiter der ersten Generation nach Deutschland kamen und mit lebenslanger Heimatlosigkeit bezahlt haben. So lautete die Frage in einer frühen Phase der Produktion.

Doch geriet das Ganze zwischenzeitlich ins Stocken, und so wurde der Autor und Regisseur Hacan Savas Mican („Die Schwäne vom Schlachthof“) um Mithilfe gebeten. In nur zwei Wochen schrieb Mican, der ein großes Talent zur poetischen Verdichtung besitzt, eine Szenenfolge für Großeltern und Enkel, die einen deutschtürkischen Alltag aus Sprachlosigkeit und Missverständnissen ins Groteske wendet.

Die Alten haben keinen Kompass mehr. Die Jungen – gespielt von Kader Arslan, Murat Dikenci sowie Duygu Sebnem Ince und Cidem Tobas – tragen Pfadfinder-Uniform, wissen aber erst recht nicht, wo’s langgeht. Da gibt Nuri Sezer einen Mann, der von der jungen Hausärztin gemaßregelt wird („Völker wandern, aber die Sitten bleiben!“), da wirbeln Linsensuppe und Papaya-Duft, Internetflirt und Gentrifizierungsfurcht durcheinander.

Etwas unfertig wirkt der Abend noch, kein Wunder, und bis zur Utopie dringt er nicht durch. Aber Lukas Langhoff hat die Szenen bestmöglich verwoben, das Ensemble bemerkenswert eingeschworen. Und alle Gastarbeiter-Melancholie à la „40 qm Deutschland“ mit Mican surreal hochgenommen. Keine Anklage, nirgends. Einmal sitzen Idil Lacin, Sema Poyraz und Serpil Simsek Bierschwale auf der Bank und erzählen als Mütterchor die Geschichte ihres Kofferkindes, das in der Türkei bei der Tante blieb. Ohne Pathos wird da dieser verrückte Zwiespalt deutlich: das Liebste zurückzulassen, nur um nie anzukommen.

Aufführungen von 7. - 10. 9., 20 Uhr

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