Kultur : Strampelnde Denker

Travis Hugh Culley erzählt die Philosophie des Fahrradkuriers

Thomas Wegmann

Fahrradkuriere zählen zu den Kultfiguren unserer Zeit, versöhnen sie doch den Cowboy mit dem Hacker. Die Heimat des Cowboys ist die Prärie, aber noch mehr der Western. Dort ist er meist allein, hat die Ferne vor und sein Pferd unter sich. Infolgedessen spielt sich das Cowboydasein meist im Sitzen ab. Nämliches gilt auch für den Hacker. Seine Heimat ist der Platz vor dem Bildschirm und die weite Welt des Internet. Dort kämpft er mit dem Modem in der Hand für den freien Zugang zu den Informationen. Cowboys und Hacker haben oft das Recht gegen und die Gerechtigkeit für sich. Deswegen taugen sie zum romantischen Rebellen.

In der kleinen Welt des Alltags gilt das auch für den Fahrradkurier: Er muss sich über die Straßenverkehrsordnung hinwegsetzen, weil die den schnellen Transport von eiligen Sachen behindert. Genau das aber ist sein Job. Unablässig transportiert er, was die Welt im Innersten zusammenhält: Nachrichten, Informationen und Druckvorlagen. Sein Pferd ist zwar aus Metall, aber politisch korrekt, weil es keine unwiderbringlichen Energien verbraucht. Dafür ist beim Fahrradkurier jeder Tag eine Tour de France durch den Großstadtdschungel. Auf dem Gepäckträger, so vorhanden, fährt dabei stets die Freiheit mit.

„Der Fahrradkurier ist so was wie ein einsamer Reiter... Je länger du hier draußen arbeitest, desto eher siehst du dich als irgendwie anders, irgendwie befreit von den so genannten allgemein gültigen Gesetzen des Lebens und des Todes. Dieses Gefühl verleiht dem Fahrradkurier beinahe metaphysisches Selbstvertrauen.“ Der das schreibt, muss es wissen: Travis Hugh Culley hat lange als Fahrradkurier in Chicago gearbeitet, bevor er ein Buch verfasste, dessen erzählendes Ich wir getrost mit dem Autor gleichsetzen dürfen.

Sein Buch „Der Fahrradkurier“ enthält Geschichten aus dem Alltag eines Fahrradkuriers, aber auch viel Lebensgefühliges und Weltanschauliches: „Der freie Markt, die Familie, das Finanzamt und das Sozialversicherungssystem hatten verdammt wenig für uns getan. Unsere Anarchie war kein Ideal, sondern schlicht eine Tatsache.“ Langes Sitzen im Sattel eröffnet offenbar einen ganz eigenen Blick auf die Dinge. Deshalb finden sich zwischen dem Rausch, den das schnelle Befördern mit sich bringt, und den Adrenalinstößen, die sich bei der Begegnung mit dem natürlichen Feind des Fahrradkuriers, dem Autofahrer, ergeben, sogar Zitate von Walter Benjamin und anderen Geistesgrößen. Was belegt, dass auch im Reich der urbanen Subkultur das Sportive leicht ins Metaphysische schwappt.

Doch keine Sorge, bei all dem schreibt der Autor wie ein Fahrradkurier radelt: Ihm geht es um die schnelle und direkte Zustellung seiner Botschaften. Stilistische Finessen, geschliffene Dialoge oder ein rafiniert verschlungener Plot wären da nur Bremsbacken auf dem Weg zum Leser. Immerhin: „Die Welt scheint bereit zu sein für die Erfahrung des Kuriers.“ So meinte jedenfalls Travis Hugh Culley, als er auf den Erfolg seines Buches in den USA angesprochen wurde. Und demonstriert der Welt bereitwillig, dass Fahrradkurier weder ein hehrer Beruf noch ein x-beliebiger Job ist, sondern eine der Not und dem Strampeln entsprungene Philosophie.

Travis Hugh Culley: Der Fahrradkurier. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger. Unionsverlag, Zürich 2003. 317 Seiten, 17,40 €.

LITERATUR

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