Kultur : Strand, Land, Leseluft

Ferienzeit ist Bücherzeit. Dabei beginnt der Urlaub schon mit der Abreise – und der Weg ist das erste Leseziel. Krimi, Klassik, Komik: Wir empfehlen Lektüren für Augen und Ohren, für jeden Verkehr

Gregor Dotzauer

Fliegen

Ja, müsste man ihm zugestehen, sobald er einen vom Gangsitz aus in ein Gespräch verwickelt hat: Ich fliege auch gern und am liebsten ganz weit weg. Und er würde nicht locker lassen und hinzufügen: „Es hat Sie nur nicht gepackt. Sie studieren es nicht.“ Und noch ein wenig später würde er sagen: „Wissen Sie was? Vermutlich sind Sie der Normalere von uns beiden.“ Und bevor klar wäre, was er meint, würde man sich vielleicht Ryan Binghams ganze Geschichte anhören: die Leiden eines Airworld-Junkies, der nichts mehr hasst, als anzukommen. Denn sein Zuhause ist die Welt der großen Flughäfen, und sein Dasein das eines ewigen Passagiers.

Tatsächlich gibt es nicht viele Gründe, Ryan Bingham zu beneiden. Genau genommen sind es überhaupt nur zwei. Anders als all die gefeuerten Menschen, die er als Motivationstrainer in ihrem ruinierten Selbstwertgefühl aufrichten soll, hat er nämlich noch einen Job. Und durch seine reiseintensive Mission quer durch Amerika ist er im Besitz einer Compass-Class-Card, die ihn in wenigen Tagen zum zehnten Meilenmillionär der Great West Airlines machen soll. Für jemanden, der sich sonst nicht leiden kann, ist das ein Ziel, das an Erlösung grenzt. Dass ihm dabei etwas in die Quere kommt, liegt in der Natur seines übergenau ausgearbeiteten Plans.

Walter Kirns Roman „Mr. Bingham sammelt Meilen“ (aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 320 Seiten, 19,90 €) betrachtet die Welt aus der Perspektive von Abflughallen, Flughafenhotels und Snackbars, also durch einen Filter, durch den das weitaus meiste, das sich draußen zuträgt, nur über bunte Nachrichtenbänder oder die Breitwandfernseher von First-Class-Lounges in die Köpfe dringt.

Jack Kerouacs Roman „On the Road“ erzählte von einem modernen amerikanischen Mythos – und von Abenteurern. „Up in the Air“, wie der zweite Roman des New Yorker Literaturkritikers im Original heißt, erzählt von einer globalen Inszenierung – und von hoffnungslosen Neurotikern.

Kirn hat einen satirischen Gesellschaftsroman geschrieben, intelligenter als vieles, was an Fastfood-Bestsellern in der Airworld sonst herumgetragen wird. Und ein Stück süffig geschriebener Unterhaltung, das man nicht vor dem digitalen Saftautomaten auslesen muss, sondern auch noch nach dem dritten Martini versteht.

Autofahren

Vor dem Lesen kam einst das Vorlesen. Wird uns nun eine Geschichte vorgelesen, dann sind wir wieder Kind, Publikum, staunende (oder gähnende) Lauscher. Und unsere Ohren, die jeden Tag von Hintergrundmusiken zugeschmalzt, von vordergründigen Worten zugesülzt werden, sie wollen noch immer von Fremderem und Fernerem überrascht werden. Dass literarische Texte also auch im audiovisuellen Zeitalter tollkühne Inbilder bergen und zauberische Sirenengesänge, das haben die boomenden Hörbuchproduzenten begriffen. Besonders auf langen Autofahrten verkürzen die mit klasse Schauspielern und steigender inszenatorischer Intelligenz komponierten Kassetten die Zeit – und lassen die Ferien womöglich schon auf der Autobahn beginnen.

In diesem Sommer sind meine Hör-Hits klassisch-modern gemischt: Zuerst werden Sie auf die großen Weltmeere entführt, mit Herman Melvilles „Moby Dick“ – und die im Münchner Hörverlag (10 CDs, ca. 550 Minuten, 49,95 €) erschienene Produktion des Bayerischen Rundfunks ist nicht nur musikalisch und sturmtosend begleitet. Sie verwandelt Melvilles mäanderndes Riesenopus über Wahn und Welt der Waljagd in der geschickten Auswahl von Klaus Buhlert in eine spannungsvoll konzentrierte Erzählung, mit den Stimmen unter anderem von Rufus Beck, Manfred Zapatka (als Kapitän Ahab), von Felix von Manteuffel, Ulrich Matthes, Bernhard Schütz und Thomas Holtzmann.

Mein zweiter Hörtipp ist Vladimir Nabokovs russisch-amerikanische Novelle „Pnin“ , bei der Ulrich Matthes als Erzähler die poetische Komik einer fabelhaft schrulligen Begegnung zwischen altem Emigranteneuropa und junger Neuer Welt in Dieter E. Zimmers kongenialer Übersetzung zum Blühen bringt (Audio Verlag des SFB, Berlin, 6 CDs, 423 Minuten, 32,95 €).

Last not least: Bevor Joanne K. Rowlings fünfter „Harry Potter“ im November auf Deutsch erscheint, gibt es den vierten, „Harry Potter und der Feuerkelch“ , jetzt in einer CD-Sonderausgabe – und was Rufus Beck mit seinen tausendundeins Stimmen aus dem Zauberbuch zaubert, ist wie schon bei „HP1–3“ von ganz eigener, Zeit und Raum (und quengelnde Mitfahrer) verhexender Magie (Hörverlag, München, 20 CDs, 1372 Minuten , 39,95 €). Peter von Becker

Bahnfahren

Eigentlich gehört zum guten Stil eines Literaturkritikers, dass er nur Bücher empfiehlt oder verreißt, die er wirklich (ganz) gelesen hat. Es muss Ausnahmen geben. Nämlich in Fällen höherer Gewalt. So bekam der Rezensent im ICE-Zug bei Seite 53 von Nick McDonells Roman „Zwölf “ (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 240 Seiten, 7,90 €) trotz Hochspannung bohrenden Hunger, einen Hunger, wie er nur auftritt, wenn über der Lektüre das Körpergefühl eine Weile ausgeschaltet war. Seinen Sitzplatz belegte er vor dem Gang zum Speisewagen sicherheitshalber mit dem Buch, nicht damit rechnend, dass preiswerte Paperbacks für 7,95 Euro in ICE-Zügen zum Offizialdelikt verleiten könnten.

Weit gefehlt! Nach der üblichen „leckeren Ofenkartoffel mit Sour-Cream“ war der Platz zwar noch leer, aber McDonells Buch weg. Die scheinbar freundliche Rentnerin vom Platz dahinter verdächtigte umgehend die beiden älteren Herren aus der Nebenreihe, sie sei ein Weilchen eingenickt. Und die beiden älteren Herren waren tatsächlich beim letzten Halt ausgestiegen. Ein abgründiger Gedanke kam dem Rezensenten: Hatte die Rentnerin, bei den älteren Herren möglicherweise abgeblitzt, selbst das Buch eingesteckt, als die beiden ausstiegen? Anyway, McDonells skurriler amerikanischer Alptraum wird gleich morgen nachgekauft für den Sommerurlaub in Alt-Europa. Bis Seite 53 kann der Rezensent „Zwölf“ jedenfalls rückhaltlos empfehlen und ist bereit, ansonsten einen Blankoscheck auszustellen.

McDonell war 17, als er das Buch schrieb, jetzt ist er 19. Er erzählt von den nervenaufreibenden, drogengesättigten Exzessen New Yorker Schulkinder vor der Volljährigkeit. Die Hauptperson, White Mike, Kraftzentrum trockensten Humors, hat noch nie Drogen genommen, lebt aber von seinen Einkünften als Dealer. Um ihn herum tobt die präpotente Gewalt der Mittel- und Oberschichtkids, und auf jeder dritten Seite spritzt ein bisschen oder auch ein bisschen mehr Blut, die Onkels B. E. Ellis und D. DeLillo lassen grüßen. McDonell, in den USA mit diesem Buch bereits Bestsellerautor, ist ein großes tragikomisches Erzähltalent – und ein Moralist!

Der Rezensent hat natürlich wie immer zuerst das letzte Kapitel gelesen und kann deshalb ausplaudern, ohne die Spannung zu beeinträchtigen: Held White Mike endet nach dem hypertrophen Tohuwabohu einer New Yorker Blut-, Sex- und Drogenorgie im alteuropäischen Paris, wo er studieren (und schreiben) will – und raucht dort genüsslich seinen ersten Joint. „Zwölf“ ist das Sommerbuch für Alt-Europa aus der Neuen Welt! Marius Meller

Schlafen

Antiamerikanismus ist auch keine Lösung. Findet jedenfalls Ferdinand, der sich im Paris des Ersten Weltkrieges von seinen Fronterlebnissen bei Lola, einer amerikanischen Freiwilligen, erholt: „Ich konnte nie genug davon bekommen, diesen amerikanischen Leib zu erforschen. Um die Wahrheit zu sagen, ich war ein verfluchtes Ferkel. Und blieb es. Ich gelangte sogar zu der erfreulichen und erbaulichen Ansicht, dass ein Land, das Leiber von derart kühner Anmut und so verlockendem spirituellem Schwung hervorbrachte, gewiss noch viel mehr kapitale Offenbarungen bereit hielt – im biologischen Sinne versteht sich. So wurde mir also zwischen Lolas Beinen die Verheißung einer neuen Welt zuteil.“

Mit dem alten Europa ist der illusionslose Held sowieso fertig, mit Frankreich, der Religion, dem Gerede von Ehre und Vaterland. Aber auch die amerikanischen Hoffnungen werden zerstört auf der langen Romanreise, auf die Louis-Ferdinand Céline seinen übellaunigen Ich-Erzähler jagt: Diese „Reise ans Ende der Nacht “ (aus dem Französischen neu übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, Rowohlt Verlag, Reinbek, 670 Seiten, 29,90 €) ist ein Buch der wütendsten Misanthropie und sarkastisch notierten Desillusionierung. Als Ferdinand Lola, seinen feuchten amerikanischen Traum, in New York wieder trifft, findet er sie so abstoßend wie sie ihn: „Sie hörte gar nicht auf, mir Nichtigkeiten aus ihrem Leben vorzuplappern. Wenn es keine Lügen mehr zu erzählen gäbe, wirklich, man müsste die Welt für zwei, drei Generationen dichtmachen, mindestens. Da hätte man sich ja gar nichts mehr zu sagen, oder jedenfalls beinah.“ Céline spielt auf einer verstimmten Gitarre einen kaputten Blues, der tabula rasa macht mit der Zivilisation, den höflichen Umgangsformen und dem freundlichen Blick auf die Mitmenschen: „Vor den Menschen, vor ihnen allein muss man Angst haben, immer.“

Auf Deutsch ist dieser Jahrhundertroman erst jetzt, siebzig Jahre nach seiner Entstehung, zum ersten Mal unverstümmelt und unverfälscht in Hinrich Schmidt-Henkels kongenialer Übersetzung zu entdecken. Ihn an der italienischen Riviera zu lesen, ist eine seltsame Erfahrung: Während glückliche Großväter mit ihren Enkeln Unsinn machen und die jungen Familien nicht unbedingt so aussehen, als würden sie Célines Hoffnung auf einen baldigen Kollaps der Zivilisation teilen, wirken seine Flüche plötzlich eher traurig als hasserfüllt. Peter Laudenbach

Träumen

Man bemerkt es nicht sofort. Vielleicht muss man erst drei oder vier Bändchen aus Friedrich Anis „Süden “-Reihe (Droemersche Verlagsanstalt, München, 200–300 Seiten, um 8 €) gelesen haben, bis es einem schlagartig aufgeht: Es gibt in diesen Krimis kein Kapitalverbrechen! Hier wird nicht gemordet! Dieser Friedrich Ani, der das Kunststück fertigbringt, unblutige und zugleich hoch spannende Kriminalromane zu schreiben, ist 44 Jahre alt und lebt wie sein Serienheld mit dem seltsamen Namen Tabor Süden in Bayern. Süden ist Kommissar bei der Münchner Vermisstenstelle und ein furchtbar einsamer älterer Beamter. Etwas Schreckliches muss ihm in seiner Jugend zugestoßen sein, daher hat er das Zweite Gesicht und ist bei seinen Ermittlungen – man muss sagen: auf unheimliche Art und Weise – einfühlsam.

Friedrich Anis Bücher, mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, sind Reisen ins Innere, ins Tabu. Menschen verschwinden von der Bildfläche, weil sie ihre Geschichte mit der Welt nicht teilen können oder wollen. Ein Vater-Tocher-Inzest („Süden und das Geheimnis der Königin“), ein Schauspieler, der aus dem Leben fällt wie von der Bühne („Süden und der Straßenbahntrinker“), zwei nicht mal zehnjährige, verliebte Kinder, denen man den Umgang miteinander verboten hat: Kommissar Süden muss diese Menschen suchen, und es scheint, dass er doch nur immer vor sich selbst davonläuft und es ihm bitter Leid tut, die Flüchtigen zurückzubringen.

Untertauchen, ausreißen, alles hinter sich lassen, das ist ein zivilisatorischer Traum und Albtraum, den viele träumen. Denn diese zutiefst melancholischen Romane stecken voller struktureller Gewalt, wie man das in der Sprache der Soziologen und Psychologen nennt. Sind angefüllt mit Angstfantasien und seelischer Grausamkeit – und jener mitleidenden Komik, deren stiller Meister Ani ist. „Ich arbeite auf der Vermisstenstelle der Kripo und kann meinen eigenen Vater nicht finden“, ist das traurige Motto der Süden-Bücher. Da hört man schon die Simenon’sche Lakonie heraus, die Ani beherrscht. Vielleicht noch gut zu wissen, dass er früher Polizeiberichte und Drehbücher geschrieben hat – und Geschichten für Kinder. Rüdiger Schaper

Schwimmen

Man nehme: ein Rettungsboot, einen indischen Jungen, eine Ratte, einen Orang-Utan, eine Tüpfelhyäne, ein Zebra und einen ausgewachsenen Tiger namens Richard Parker. Dazu nehme man Ozean in sehr großen Mengen, angereichert mit mörderischen Haien oder auch arglosen Meeresschildkröten. Und man lese, wie Yann Martel dafür sorgt, dass recht bald doch nicht mehr alle in einem Boot sitzen, sondern nur noch der 15-jährige Pi und Richard Parker. In Martels „Schiffbruch mit Tiger “ (ausdem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 382 Seiten, 19,90 €) teilen sich Mensch und Bestie 227 Tage lang die spärlichen Planken, dazu Sturm und Hunger, Angst, Langeweile, Delirium. Und zuletzt die seltsamste Insel der Literaturgeschichte.

So was liest man am besten am Strand. Der Wind kräuselt das Meer, Wellen lecken die Kiesel nass, in der Ferne schiebt sich lautlos ein Tanker durchs Bild (nein, der brachte Pi und dem Tiger auch keine Rettung). Die Leserin blinzelt Richtung Horizont: Geht es in Martels Wasserwelt eigentlich zoo- oder wenigstens bio-logisch zu? Vielleicht sind all die Geschichten von friedlich zusammenlebenden Säugetieren, von Parasiten und anderen Notgemeinschaften unterm endlosen pazifischen Himmel ja pure Fata Morgana. Alleine das Erdmännchen-Paradies in Gestalt eines Fleisch fressenden Pflanzen-Archipels – wer weiß! Und andererseits: Ist Literatur nicht selbst eine Art Wörterfloß im so genannten Bewusstseinsstrom? Kommt da nicht auch auf wundersam wildzahme Weise zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört? Flaschenpost ist sie allemal, ozeanischer Herkunft: verblichene Botschaft mit bestialischem Beigeschmack. Hinterher fühlt man sich – fischiger. Irgendwie mehr Salz auf der Haut. Christiane Peitz

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