Kultur : Strandgut von überall her UltraSchall: gute alte Neue Musik im Konzerthaus Berlin

Isabel Herzfeld

Wie neu die Neue Musik noch? Das UltraSchall-Festival, das gemeinsam von SFB und DeutschlandRadio Berlin veranstaltet wird, sucht in seinem nunmehr fünften Jahr Antwort auf diese Frage. „ex negativo“ hießt das Vorläufer-Festival: Dabei ist negative Provokation heute nicht mehr der springende Punkt, wie das von Roland Kluttig geleitete Deutsche Symphonie-Orchester Berlin beweist. Bernd Alois Zimmermanns „Ekklesiastische Aktion“ ist ein einziger existenzieller Aufschrei, Affirmation der Verzweiflung. Lutz Lansemann und Hannes Hellmann sprechen apokalyptische Texte aus der Bibel und Dostojewskis „Großinquisitor“, die Andreas Schmidt mit melismatisch aufgeladenen Bariton-Klagen aufgreift. Wenn auch nicht immer die Balance zwischen Distanz und Pathos gelingt und das Orchester zwischen lakonisch harten Akzenten unkonzentriert wirkt – das Werk setzt Maßstäbe einer schutzlosen Wahrhaftigkeit, jenseits allen gut gemeinten Bekenntnisdrangs. Maßstäbe auch für die jungen Komponisten, die zu viel und zu wenig zugleich wollen. Jörg Widmanns „Lichtstudie“ inszeniert fein ausgehörte Klangbänder, bei denen die Bläser Leuchtpunkte auf sanften Streichergrund setzen. Johannes Maria Stauds „Polygon“ für Klavier und Orchester ist eine einzige Kraftgeste scharf geschnittener Figuren, präzis und packend dargeboten vom Solisten Thomas Larcher, die jedoch Sinn und Zweck ganz in sich selbst zu finden scheint.

Das Märchen vom tumben Diener

Urvater der Avantgarde ist Arnold Schönberg. Der Pioniergeist wird ihm hier jedoch eher abgesprochen, in einer Plauderei der Tochter Nuria Schönberg-Nono mit dem Pianisten Stefan Litwin. Ein Held zum Anfassen. Doch auch die weichen, verspielten Seiten des spröden Neuerers sind erhellend. Etwa wenn er seinen Kindern Märchen erzählt, so lange, bis sie ihr Gemüse aufgegessen haben: Märchen von einer Prinzessin, deren tumber Diener auf ihr Läuten ein, zwei, drei Mal nicht erscheint. Zahlenobsessionen, rhythmisiert, die sich im Oeuvre niederschlagen. Unbedingheit, Selbst- und Sendungsbewusstesein, durchsetzt von distanziertem Humor, kommen auch in Anspielungen an Richard Strauss, Mahler und Busoni zur Sprache. Dem allerdings tut Litwin Unrecht, wenn er seine virtuos ausufernde Klavierfassung von Schönbergs op. 11 dem Publikum allzu ironisch präsentiert.

Busoni als weniger systematischer Verfechter einer „neuen Ästhetik der Tonkunst“ hat einen weiteren Auftritt: Erstmals wurde der Busoni-Kompositionspreis der Akademie der Künste im Rahmen des Festivals vergeben. Mit dem Ensemblestück „Gelöschte Lieder“, „Herz“ für Solocello und „Holz“ für Klarinette und kleines Ensemble erweist sich der 32-jährige Enno Poppe als sperriger, gewitzter Tonsetzer, der sich nur zuweilen mit seiner ausgefeilten Systematik im Weg steht. In greller Intensität fügen sich sprachähnlich zusammengedrängte oder gedehnte Muster zu meist ekstatisch gesteigerten Entwicklungen. Ein Grund zum Türen knallenden Verlassen des kleinen Konzerthaus-Saales ist das wahrhaftig nicht. Wenn allerdings der 26-jährige Daniel Smutny als diesjähriger Förderpreisträger in „Xark“ elektronisch verfremdete Naturalismen „wie Strandgut von überallher“ aufliest, kommt einem doch in den Sinn, dass Komponieren vor allem Weglassen bedeutet.

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