Kultur : Strandgut

Weltbeste Reportagen: der Lettre Ulysses Award

Kerstin Decker

Woran erkennt man eine gute Reportage? Seit drei Jahren verleiht die Zeitschrift „Lettre International“ mit der Aventis Foundation den Lettre Ulysses Award. Heute wird im Berliner Tipi-Zelt die weltweit beste Reportage ausgezeichnet, die Preisgelder belaufen sich auf 100000 Euro.

In der aktuellen „Lettre“ sind sieben der nominierten Texte versammelt, und bei jedem denkt man: Der ist es! Macht man sich ein Weltbild aus den sieben Texten, dann gibt es nur eine Welt: die Dritte, egal ob eine Deutsche, ein Amerikaner oder eine Irakerin sie betrachtet. Was haben wir am tropischen Strand von Alang am Indischen Ozean verloren? Manchmal steigen dort gigantische schwarze Schatten aus der Nacht, werden immer größer, und „dann traf der Kiel auf Grund, und das Schiff prallte hart auf den überfluteten Strand, wurde vom eigenen Gewicht und der vollen Antriebskraft langsam weiter geschoben, bis das Ruder nicht mehr funktionierte.“ Kein Fischkutter, nein, ein Ozeanriese ist es, den keiner mehr braucht, und jetzt wird er zerlegt. Nicht mit großem Gerät, sondern von tausenden Händen mit kleinen Schneidbrennern am Strand von Alang.

Das schildert der Amerikaner William Langewiesche in seiner Reportage über die indischen Schiffsverschrotter, von denen viele ihre Hungerlohn-Arbeit nicht überleben. Vielleicht ist eine gute Reportage ja ein Kommentar mit anderen Mitteln: Die großen Abwrackwerften in Europa und den USA sind längst stillgelegt. Umweltauflagen, Arbeitskosten. Der unbekannte Strand von Alang ist jetzt ein global place – und es scheint nur noch solche global places zu geben. Braucht man dafür nicht auch eine globale Sprache? Viele Journalisten glauben, eine gute Reportage sollte möglichst objektiv sein. Aber egal, ob ein marokkanischer Anthropologe seine Pilgerfahrt nach Mekka beschreibt oder ein in New York lebender Inder zurückkehrt in seine Heimatstadt Bombay oder die „Spiegel“-Reporterin Carolin Emcke Kolumbien erlebt: Alle wählen die radikale Ich-Form. Das rückhaltlos Subjektive erschließt das Objektive.

Beim Lesen dieser Reportagen weiß man wieder, was das Wort der vermeintlichen Unmittelbarkeit des Bildes voraushat: Es kann zugleich außen und innen sein, kann zugleich zeigen und denken. Vielleicht sollte „Riverbend“ den Preis bekommen. Man kennt nur den Webnamen der Irakerin, die ihr Bagdad-Tagebuch ins Netz gestellt hat. Wer es liest, weiß noch einmal ganz neu: Warum Amerika im Irak keine Chance hat(te). Warum der „Krieg gegen den Terror“ den Terror schafft.

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